Alltag zwischen zwei Ländern
Zwei Währungen, zwei Postleitzahlen, zwei Telefonnetze
Das Dorf hat etwa 1 440 Einwohner (Stand 31. Dezember 2024). Rund 95 % von ihnen arbeiten in der Schweiz und beziehen ihren Lohn in Schweizer Franken. In den Geschäften und den zwei Restaurants wird deshalb meist mit Franken bezahlt, obwohl der Euro die offizielle Währung ist. Entsprechend nutzen die Büsinger je nach Laune Euro oder Franken – ein Hauch von Schweizer Neutralität trifft auf deutsche Stabilität.
Büsingen nutzt zwei Postleitzahlen – D‑78266 für deutsche Sendungen und CH‑8238 für schweizerische. Telefonieren ist ebenso kurios: Früher standen auf dem Dorfplatz eine deutsche und eine Schweizer Telefonzelle; heute gibt es noch einen Notrufapparat, doch die Vorwahlen (07734 für Deutschland, 052 für die Schweiz) bestehen. Mit dieser doppelten Infrastruktur spielt das Dorf liebevoll mit der Frage, ob man nun „Guten Tag“ oder „Grüezi“ sagen soll.
Strom, Steuern und Versicherungen
Der Alltag wird durch einen deutsch‑schweizerischen Staatsvertrag von 1967 geregelt. Strom liefert ein Schweizer Versorger, abgerechnet wird in Franken. Einkäufe unterliegen der Schweizer Mehrwertsteuer (7,7 %), nicht dem deutschen Satz von 19 %. Diese Regelung bringt Vorteile: Die Gemeinde erhält jedes Jahr rund zwei Millionen Franken aus Mehrwertsteuer‑Rückerstattungen. Gleichzeitig zieht Deutschland die Einkommensteuer ein, sodass viele Einwohner durch den starken Franken eine höhere Steuerlast tragen müssen. Bürgermeisterin Vera Schraner beklagt, dass dieser Widerspruch insbesondere junge Menschen wegzieht, weshalb Büsingen mit einem Durchschnittsalter von gut 52 Jahren zu den ältesten Gemeinden Deutschlands gehört.
Die Bewohnerinnen und Bewohner können wählen, ob sie sich in der Schweiz oder in Deutschland krankenversichern lassen. Diese Option ist möglich, weil beide Länder auf private, aber obligatorische Versicherungen setzen.
Fahrzeuge mit eigenem Kennzeichen
Damit Verkehr und Zoll funktionieren, hat Büsingen sogar ein eigenes Autokennzeichen: BÜS. Die Kennzeichen zeigen, dass das Fahrzeug zu einer deutschen Gemeinde gehört, die aber zum Schweizer Zollgebiet zählt. Ausserdem gilt in Büsingen die Schweizer Mehrwertsteuer, während die deutsche Kfz‑Steuer entfällt.
Historische Kuriositäten und moderne Schlagzeilen
Spielball der Mächte
Die Geschichte Büsingens ist von geopolitischen Zufällen geprägt. Im 18. Jahrhundert blieb das Dorf nach einem Landverkauf der Habsburger an Zürich als einziger Flecken deutsches Territorium übrig. Während des Zweiten Weltkriegs schloss die Schweiz ihre Grenzen; Büsingen war wie ein ungewolltes Kind im Spiel „Fangen“ – eingeschlossen und vom Deutschen Reich abgeschnitten. Deutsche Soldaten auf Heimaturlaub mussten ihre Waffen abgeben und erhielten Mäntel, um ihre Uniformen zu verbergen. Nach Kriegsende versuchte die Gemeinde mehrfach, sich der Schweiz anzuschliessen, doch Baden (später Deutschland) verweigerte dies.
Deutsches Team in der Schweizer Liga
Der FC Büsingen spielt als einzige deutsche Mannschaft in der Schweizer Fussballliga. Auf dem Sportplatz kann man wortwörtlich einen Elfmeter in Deutschland schiessen und in der Schweiz ein Tor erzielen – die Linie verläuft mitten über den Platz. Für die Fans ist das gelebte „Freundschaftsspiel“ ein Symbol für die Verbundenheit beider Länder.
„Steueroase“ im Visier
Aufgrund seiner Sonderstellung rückt Büsingen auch in die Schlagzeilen. 2025 identifizierten das ZDF Magazin Royale und die Organisation Frag den Staat die Gemeinde als eine von 37 potenziellen „Steueroasen“ in Deutschland. Büsingen erhebt keine Grundsteuer und hat einen niedrigen Gewerbesteuer‑Hebesatz, um Unternehmen anzulocken. Die Schweizer EOS Holding betreibt 15 Tochterfirmen im Dorf. Kritiker sehen darin Steueroptimierung, während die Gemeinde betont, dass die lokalen Unternehmen ihre Gewinne am Standort der Windräder versteuern.
Fazit: Ein Ort zwischen den Welten
Büsingen am Hochrhein ist weit mehr als eine geographische Besonderheit. Das Dorf vereint zwei Kulturkreise und bleibt dabei pragmatisch: Man zahlt in Franken, verdient in Euro, ruft mit deutscher oder schweizerischer Vorwahl an und jubelt seinem deutschen Verein in der Schweizer Liga zu. Trotz administrativer Tücken – und einer immer lauter werdenden Diskussion über Steuern – lebt die Gemeinde diese deutsch‑schweizerische Identität wie einen Alltagsspaß. Wer Büsingen besucht, darf sich darauf freuen, irgendwo zwischen „Guten Tag“ und „Grüezi“ herzlich empfangen zu werden.


