Der Schnellcheck für Eilige
- Worum geht’s? Rachefeldzug gegen untergetauchte Kriegsverbrecher der Jugoslawienkriege.
- Abschied: Rosa Herzogs (Stefanie Reinsperger) letzter Fall.
- Highlight: Ein finaler „Mexican Standoff“ in Zeitlupe – Nervenkrieg pur.
- Lohnt es sich? Absolut. Ein Muss für Fans der horizontalen Erzählweise (9/10 Punkten).
(Spoilerwarnung)
Handlung: Von Milieu-Morden zu Kriegsverbrechen
Zunächst wirkt alles wie ein brutaler Machtkampf im Rotlichtmilieu. Mehrere Männer werden ermordet, die Spuren führen in Clubs, Bordelle und in die organisierte Unterwelt. Doch schnell zeigt sich: Die Opfer lebten unter falschen Namen. Ihre wahre Identität führt zurück in die 1990er-Jahre – mitten hinein in die Gewaltgeschichte der Jugoslawienkriege.

Otto Pösken (Malick Bauer, r) und Daniel Kossik (Stefan Konarske, l) sind gemeinsam im Einsatz.
Als klar wird, dass mindestens einer der Toten wegen Kriegsverbrechen verurteilt war und untergetaucht lebte, bekommt der Fall eine politische Dimension. Es geht nicht mehr nur um Rache im Milieu, sondern um verdrängte Schuld, um Gerechtigkeit – und um die Frage, wer über Leben und Tod entscheiden darf.
Für Kommissarin Ira Klasnić wird der Fall zur persönlichen Belastungsprobe. Die Ermittlungen reißen alte Wunden auf, Erinnerungen an Krieg und Flucht drängen sich auf. Gleichzeitig schaltet sich das LKA ein: Daniel Kossik, ehemaliger Kollege und hartnäckiger Widersacher, setzt das Team unter Druck.

Otto Pösken (Malick Bauer) sucht in seinem alten Revier der Nordstadt nach Petrovic.
Emotionaler Ausnahmezustand im Team
Peter Faber und Rosa Herzog arbeiten unter Hochspannung. Zwischen Misstrauen, Loyalität und unausgesprochenen Gefühlen geraten sie immer stärker aneinander. Kossik versucht, ihnen einen Mord nachzuweisen – und schreckt auch nicht davor zurück, Herzogs privates Umfeld unter Druck zu setzen.

Otto Pösken (Malick Bauer, l) Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger), Greta Leitner (Sybille J. Schedwill, 2.v.r.) und Peter Faber (Jörg Hartmann, r) begutachten die Leiche des Club-Managers Klaas Martens.
Regisseur Torsten C. Fischer inszeniert die Eskalation mit zunehmender Intensität. Das Finale ist in dramatischer Zeitlupe gedreht: Mehrere Figuren stehen sich bewaffnet gegenüber, ohne dass klar ist, wer auf wen zielt. Erst ein einzelner Schuss durchbricht die angespannte Stille.
Besetzung
- Jörg Hartmann als Peter Faber
- Stefanie Reinsperger als Rosa Herzog
- Alessija Lause als Ira Klasnić
- Stefan Konarske als Daniel Kossik
- Malick Bauer als Otto Pösken
- Moritz Führmann als Staatsanwalt Matuschek
- Sybille Schedwill als Dr. Greta Leitner
- Lorena Juric als Marija Novak
- Kasem Hoxha als Lorik Duka
- Elda Sorra als Klea Duka
- Besnik Prekazi als Mirkos Petrovic
- Klaus Dieter Mund als Klaas Martens
- Jürgen Sarkiss als Autohändler
- Ufuk Dermici als Ladenbesitzer
- Kristian Pandža als Elez Shkodra
Drehbuch: Jürgen Werner
Regie: Torsten C. Fischer
Kamera: Andreas Köhler
Musik: Wolfgang Glum / Warner Poland
Gedreht wurde vom 1. Juli bis 31. Juli 2025 in Dortmund, Köln und Umgebung.
Kritiken: Kritik: Stark inszeniert, emotional fordernd – aber nicht leicht zugänglich
„Tatort: Schmerz“ ist kein Fall für nebenbei. Der Dortmunder Krimi verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf mehrere Erzählebenen gleichzeitig einzulassen. Genau darin liegt seine größte Stärke – und zugleich sein Risiko.
Besonders beeindruckend ist das Finale: Die in Zeitlupe inszenierte Eskalation, in der mehrere Figuren gleichzeitig zur Waffe greifen, erzeugt eine intensive, fast klaustrophobische Spannung. Die bewusste Unübersichtlichkeit wirkt hier nicht wie ein Fehler, sondern wie ein dramaturgisches Mittel. Man weiß nicht mehr genau, wer Täter, wer Opfer, wer Richter sein will – und genau das spiegelt das zentrale Thema der Folge: Schuld ist selten eindeutig verteilt.
Auch emotional überzeugt die Episode. Die persönliche Betroffenheit von Ira Klasnić verleiht dem Fall Tiefe, ohne in Pathos abzurutschen. Stefanie Reinsperger nutzt ihren letzten Auftritt als Rosa Herzog für eine vielschichtige Darstellung zwischen Härte, Verletzlichkeit und innerem Rückzug. Ihr Abschied fühlt sich verdient an – und hinterlässt tatsächlich eine Lücke.

Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger, r) steht gemeinsam mit Otto Pösken (Malick Bauer, l) auf dem Dach, er hat ihr von Kossiks internen Ermittlungen berichtet.
Gleichzeitig ist „Schmerz“ erzählerisch ambitioniert. Die Verbindung aus Milieu-Krimi, politischer Vergangenheitsbewältigung und interner Teamdynamik ist komplex. Wer die Vorgeschichte der Dortmunder Folgen nicht mehr präsent hat, könnte stellenweise den Überblick verlieren. Einige Handlungsstränge wirken dicht gepackt, fast überladen. Manchmal hätte weniger mehr sein können.
Doch gerade diese Unruhe passt zum Titel. „Schmerz“ ist kein glatt erzählter Krimi mit sauberer Auflösung. Er will irritieren, belasten, nachhallen. Das gelingt ihm.
Unterm Strich ist es ein intensiver, mutiger Abschied für Rosa Herzog – kein perfekter „Tatort“, aber einer, der etwas wagt und emotional trifft.
Fazit
„Tatort: Schmerz“ ist mehr als ein klassischer Milieu-Krimi. Die Folge verbindet Gegenwartsermittlungen mit den Nachwirkungen historischer Gewalt und stellt ihre Figuren vor moralische Grenzfragen. Stefanie Reinsperger bekommt einen intensiven, würdevollen Abschied, der Peter Faber spürbar allein zurücklässt.
Es ist ein dunkler, anspruchsvoller „Tatort“, der Konzentration fordert – und lange nachwirkt.


