Wenn niemand mehr Luft bekommt

Tatort heute: Leistungsdruck, Einsamkeit, Absturz – „Wenn man nur einen retten könnte“ – stark erzählt oder zu viel gewollt?

Frau mit Kurzhaarschnitt und Mütze, ernst blickend in urbaner Umgebung.

ARD Degeto Film und Radio Bremen: TATORT: WENN MAN NUR EINEN RETTEN KÖNNTE, am Sonntag (25.01.26) um 20:15 Uhr im ERSTEN.

Foto: © Radio Bremen/Magdalena Stengel

Es gibt „Tatorte“, die nach 90 Minuten vorbei sind. Und es gibt jene, die bleiben, weil sie etwas zeigen, das man lieber verdrängt. „Wenn man nur einen retten könnte“ gehört zur zweiten Kategorie. Der neue Bremer Tatort ist kein klassischer Krimi – er ist ein Blick in eine Generation, die funktioniert, bis sie zerbricht.

Der Tod der Jurastudentin Annalena Höpken ist nur der Ausgangspunkt. Was dieser Film wirklich erzählt, ist eine Geschichte von Überforderung, Einsamkeit und Erwartungen, die erdrücken. Still, unangenehm – und erschreckend nah an der Realität.

Ein Sturz, der mehr als ein Leben beendet

Annalena Höpken wird morgens in der Nähe eines Nachtclubs tot aufgefunden. Ein Stoß, eine Treppe, ein Genickbruch. Schnell wird klar: Die junge Frau lebte unter massivem Druck. Leistungsanforderungen an der Universität, Geldnot, Konflikte in der Wohngemeinschaft, ein ständiges Gefühl des Scheiterns.

Die Ermittlungen führen Kommissarin Liv Moormann und ihre Kollegin Linda Selb tief ins studentische Milieu Bremens. Doch Selb wird gleich zu Beginn außer Gefecht gesetzt – verletzt bei einer Verfolgung. Moormann bleibt zurück, unterstützt von Patrice Schipper vom Kriminaldauerdienst. Gemeinsam versuchen sie, Ordnung in ein Geflecht aus Verletzungen, Lügen und unausgesprochenen Vorwürfen zu bringen.

Sie treffen sich im Hinterzimmer seines Clubs: Betty Höpken (links, Mathilda Smidt) und Mike Hanisch (rechts, Niklas Marian Müller).

Sie treffen sich im Hinterzimmer seines Clubs: Betty Höpken (links, Mathilda Smidt) und Mike Hanisch (rechts, Niklas Marian Müller).

Foto: © Radio Bremen/Magdalena Stengel

Kein Krimi über Täter – sondern über Druck

Dieser Tatort interessiert sich weniger für die Frage, wer Annalena getötet hat, als für das Warum. Warum hat niemand gemerkt, wie schlecht es ihr ging? Warum wurde weggesehen? Warum blieb am Ende nur Isolation?

Regisseurin Ziska Riemann inszeniert ruhig, fast spröde. Vieles bleibt angedeutet, manches bewusst unfertig. Die Kamera verweilt auf Gesichtern, auf Pausen, auf Momenten, in denen niemand weiß, was er sagen soll. Diese Zurückhaltung ist Stärke – und Schwäche zugleich.

Ein Milieu voller Nähe – und doch ohne Halt

Besonders beklemmend wirkt die Wohngemeinschaft der Toten. Viele Menschen, wenig Wärme. Konkurrenz statt Zusammenhalt. Gespräche, die aneinander vorbeigehen. Jeder kämpft mit sich selbst, keiner hört dem anderen wirklich zu.

Kriminaltechniker untersuchen einen Tatort mit einem leblosen Körper und Polizeiauto im Hintergrund.

Vor dem Club „Blue Moon“ wird die Leiche einer jungen Frau gefunden.

Foto: © Radio Bremen/Magdalena Stengel

Der Film zeigt ein studentisches Umfeld, das permanent bewertet, vergleicht und sortiert. Wer nicht mithält, fällt. Annalenas Aufputschmittel, ihre Verzweiflung, ihre Armut – all das wird sichtbar, aber nie ausgeschlachtet. Es bleibt ein leiser Vorwurf an eine Gesellschaft, die Stärke verlangt und Schwäche ignoriert.

Moormann, Selb – und ein neuer Ton

Jasna Fritzi Bauer spielt Liv Moormann gewohnt nüchtern, aber mit feinen Rissen. Ihre Kommissarin wirkt erschöpft, fast ratlos angesichts eines Falls, der sich nicht sauber auflösen lässt. Luise Wolfram als Linda Selb bleibt lange im Hintergrund – körperlich außer Gefecht, aber geistig präsent.

Überraschend ist Patrice Schipper: Tijan Njie gibt dem KDD-Kollegen Leichtigkeit, ohne ins Klischee zu kippen. Sein Zusammenspiel mit Moormann bringt kurze Momente von Wärme in einen sonst sehr schweren Film.

Ein Tatort, der zu viel will – und trotzdem trifft

„Wenn man nur einen retten könnte“ nimmt sich viel vor. Vielleicht zu viel. Leistungsdruck, Armut, Medikamentenmissbrauch, Obdachlosigkeit, familiäre Verdrängung – nicht alles bekommt den Raum, den es verdient. Dadurch leidet stellenweise die Spannung.

Doch trotz dieser Überfrachtung bleibt etwas hängen: ein Gefühl von Ohnmacht. Und die unbequeme Frage, wie viele Annalenas es gibt, die niemand sieht.

Tatort-Kritik: „Wenn man nur einen retten könnte“

Der Bremer Tatort ist kein Wohlfühlkrimi. Er ist sperrig, ruhig, manchmal überladen – aber ehrlich. Er zeigt nicht die Tat, sondern das System dahinter. Nicht den Täter, sondern das Versagen des Umfelds.

Bewertung: ★★★☆☆
Nachdenklich, mutig, aber erzählerisch nicht immer fokussiert.

Besetzung von „Tatort: Wenn man nur einen retten könnte“

  • Jasna Fritzi Bauer – Liv Moormann
  • Luise Wolfram – Linda Selb
  • Tijan Njie – Patrice Schipper
  • Annika Gräslund – Annalena Höpken
  • Mathilda Smidt – Betty Höpken
  • Catrin Striebeck – Gabriele Höpken
  • Shirin Eissa – Karima Al-Sharquawi
  • Mitja Over – Colin Trenkner
  • Joyce Sanhá – Laslo Wolf
  • Niklas Marian Müller – Mike Hanisch
  • Robin Bongarts – Emil Klaßen

Regie: Ziska Riemann
Buch: Elisabeth Herrmann, Christine Otto
Erstausstrahlung: Sonntag, 25. Januar 2026, 20:15 Uhr, Das Erste

Fazit: Leise, überladen – und trotzdem notwendig

Dieser Tatort will keine Rätsel lösen, sondern Zustände zeigen. Er ist nicht perfekt, aber er traut sich, dorthin zu schauen, wo es wehtut. „Wenn man nur einen retten könnte“ ist kein Film, den man genießt – sondern einer, den man aushält. Und genau darin liegt seine Stärke.