Vom Studierendenwohnen in Heidelberg bis zum Holz-Stroh-Lehmbau in Freiburg: Zehn Vorhaben aus Baden-Württemberg sind für das Programm „Clever Bauen BW“ ausgewählt worden. Darunter sind sechs konkrete Umsetzungsprojekte und vier Machbarkeitsstudien. Sie sollen erproben, wie Wohnraum mit weniger Fläche, vereinfachter Technik, vorgefertigten Bauteilen oder durch Aufstockung wirtschaftlicher entstehen kann.
Die Auswahl ist allerdings noch kein Förderbescheid. Das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen stuft die Vorhaben als förderfähig ein. Im nächsten Schritt werden Anträge und mögliche Fördersummen mit den Projektträgern konkretisiert. Damit ist entschieden, wer in das Bewilligungsverfahren kommt – nicht, wie viel Geld jedes einzelne Projekt am Ende erhält.
Sechs Bauprojekte sollen Vereinfachungen praktisch testen
Für die bauliche Umsetzung wurden Projekte in Heidelberg, Tübingen, Freiburg, Rheinfelden und Ludwigsburg ausgewählt. Das Studierendenwohnen Pfaffengrund in Heidelberg soll 27 Wohnungen mit vorgefertigten Bauteilen, Gemeinschaftsflächen und passivem Hitzeschutz verbinden. In Tübingen will ein Vorhaben an vergleichbaren Bestandsgebäuden konventionelle Sanierung und vereinfachte Ansätze nach dem Gebäudetyp-E-Prinzip gegenüberstellen.
Zwei Projekte liegen in Freiburg. Das Palais Paradeiser setzt nach Angaben des Ministeriums auf kleinere Grundrisse, einfachere Konstruktionen und weniger Gebäudetechnik. Das fünfgeschossige LifeLab soll Holz, Stroh und Lehm mit standardisierten Badmodulen und gemeinschaftlich genutzten Laubengängen kombinieren. In Rheinfelden stehen Bestandserhalt und die Wiederverwendung von Fenstern und Stahltreppen im Mittelpunkt. Ludwigsburg erprobt kompakte Baukörper, ein optimiertes Holztragwerk und vorgefertigte Sanitärzellen.
Die Liste zeigt, dass „einfacher bauen“ nicht nur den Verzicht auf einzelne Standards meint. Die Projekte greifen unterschiedliche Kostentreiber auf: Fläche pro Wohnung, Planungsaufwand, technische Ausstattung, Materialeinsatz und serielle Vorfertigung. Ob die Ansätze tatsächlich günstiger werden und zugleich dauerhaft funktionieren, muss die wissenschaftliche Begleitung erst belegen.
Vier Studien prüfen Aufstockung, Sanierung und Holzbau
Die vier Machbarkeitsstudien beginnen eine Stufe früher. In Tübingen soll untersucht werden, wie ein Wohnhaus aus den 1950er-Jahren mit einer leichten Holzkonstruktion aufgestockt werden kann und ob sich die Lösung auf drei baugleiche Nachbargebäude übertragen lässt. Ein weiteres Vorhaben in Tübingen und Ulm kombiniert modulare Holzaufstockungen mit einer sozialverträglichen Sanierung des Bestands.
In Neckargemünd ist die wissenschaftliche Begleitung eines denkmalgeschützten kommunalen Wohngebäudes vorgesehen. Die Studie „Holz.Wert“ wertet bereits realisierte Hoffnungshäuser anhand von Kosten, Betrieb, Messungen und Bewohnerbefragungen aus. Die Ergebnisse sollen unter anderem in die Planung eines weiteren Hauses im Großraum Freiburg einfließen.
Studien und Bauprojekte erfüllen damit unterschiedliche Aufgaben. Die Studien klären zunächst, ob ein Ansatz technisch, rechtlich und wirtschaftlich tragfähig ist. Bei den Umsetzungsprojekten geht es zusätzlich darum, tatsächliche Bau- und Betriebserfahrungen zu sammeln.
Fördergrenzen sind festgelegt – Projektsummen noch offen
Für die sechs Umsetzungsprojekte sieht der Förderaufruf einen Innovationsausgleich von 300 Euro je Quadratmeter förderfähiger Wohnfläche vor. Die wissenschaftliche Begleitung kann vollständig finanziert werden, allerdings höchstens mit 100.000 Euro je Vorhaben. Machbarkeitsstudien erhalten bis zu 80 Prozent ihrer zuwendungsfähigen Kosten und maximal 50.000 Euro pro Antrag.
Aus diesen Obergrenzen lässt sich noch kein Gesamtförderbetrag für die zehn ausgewählten Vorhaben errechnen. Dafür fehlen unter anderem die endgültig anerkannte Wohnfläche, die zuwendungsfähigen Kosten und die Bewilligungsentscheidung je Projekt. Das Ministerium weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Punkte erst im dialogischen Verfahren geklärt werden.
In den beiden Einreichungsrunden zwischen Dezember 2025 und August 2026 gingen 52 Bewerbungen ein. Eine Fachjury bewertete sie nach dem Umgang mit Standards, dem erwarteten Erkenntnisgewinn, Wirtschaftlichkeit, Umsetzbarkeit und Übertragbarkeit. Die zehn ausgewählten Vorhaben entsprechen damit einer Auswahlquote von rund 19 Prozent. Diese Quote beschreibt die Vorauswahl, nicht die spätere Erfolgswahrscheinlichkeit anderer Bauprojekte.
Die Ergebnisse sollen in einen neuen BW-Standard einfließen
Das Programm gehört zum Strategiedialog Bezahlbares Wohnen und Innovatives Bauen. Die Landesregierung will die gewonnenen Erfahrungen für einen baden-württembergischen Standard nutzen. Entscheidend wird deshalb nicht allein sein, ob einzelne Häuser fertiggestellt werden, sondern ob Kosten- und Qualitätswirkungen nachvollziehbar dokumentiert und auf andere Projekte übertragen werden können.
Gerade für Sanierungen bleibt die finanzielle Belastbarkeit vieler Eigentümer ein Engpass. Eine KIT-Auswertung zu Energiekostensorgen und Sanierungsspielräumen zeigte, wie begrenzt Investitionsmöglichkeiten in vielen Haushalten wahrgenommen werden. „Clever Bauen BW“ setzt an einer anderen Stelle an: Es soll zeigen, ob Planung, Konstruktion und Standards selbst günstiger gestaltet werden können.
Der politische Anspruch ist damit groß, der belastbare Nachweis steht noch aus. Erst Bewilligungsbescheide, Baukosten und spätere Betriebsdaten werden zeigen, welche der zehn Ideen tatsächlich ein Modell für weitere Wohnbauvorhaben werden kann.





