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Neue Vierjahreserhebung

47,15 Euro pro Stunde: Arbeitskosten im Südwesten steigen um 19,5 Prozent

Eine geleistete Arbeitsstunde kostete Unternehmen in Baden-Württemberg 2024 durchschnittlich 47,15 Euro – 19,5 Prozent mehr als vier Jahre zuvor. Hinter dem Landeswert liegen enorme Branchenunterschiede: In der Energieversorgung waren es 71,03 Euro, im Gastgewerbe 26,48 Euro. Die neue Erhebung zeigt zugleich, welcher Anteil auf Verdienste und welcher auf Lohnnebenkosten entfällt.

Factory 56 in Sindelfingen als Symbolbild für industrielle Arbeitskosten in Baden-Württemberg
Symbolbild: Factory 56 in Sindelfingen.
Foto: Alexander Migl / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Eine geleistete Arbeitsstunde kostete Unternehmen in Baden-Württemberg im Jahr 2024 durchschnittlich 47,15 Euro. Gegenüber der letzten Arbeitskostenerhebung für 2020 mit 39,44 Euro entspricht das einem Anstieg um 19,5 Prozent. Damit legten die Kosten deutlich stärker zu als zwischen 2016 und 2020, als das Plus 11,7 Prozent betragen hatte.

Der Landesdurchschnitt verdeckt allerdings große Unterschiede. Eine Stunde in der Energieversorgung schlug mit 71,03 Euro zu Buche, im Gastgewerbe waren es 26,48 Euro. Der Abstand beträgt damit 44,55 Euro; die Energieversorgung lag beim 2,7-Fachen des Gastgewerbes.

Industrie liegt deutlich über dem Dienstleistungssektor

Im Produzierenden Gewerbe beliefen sich die Nettoarbeitskosten auf durchschnittlich 52,18 Euro je geleisteter Stunde. Im Dienstleistungsbereich waren es 44,48 Euro. Die Differenz von 7,70 Euro entspricht einem Aufschlag von 17,3 Prozent für das Produzierende Gewerbe.

Hohe Werte meldet das Statistische Landesamt auch für Information und Kommunikation mit gut 59,90 Euro. Zu diesem Bereich zählen unter anderem Telekommunikation, Rundfunk und IT-Dienstleistungen. Die öffentliche Verwaltung kam auf 49,50 Euro, das Grundstücks- und Wohnungswesen auf 48,82 Euro.

Unter dem Landesdurchschnitt lag dagegen das Gesundheits- und Sozialwesen mit 42,78 Euro. Das bedeutet nicht, dass Beschäftigte dort diesen Betrag ausgezahlt bekommen. Arbeitskosten umfassen wesentlich mehr als den Bruttolohn: Hinzu kommen Arbeitgeberbeiträge, Entgeltfortzahlung, betriebliche Altersversorgung und weitere personalbezogene Aufwendungen.

Mehr als drei Viertel entfallen auf Bruttoverdienste

Die Struktur der Kosten blieb trotz des deutlichen Anstiegs nahezu unverändert. 77,2 Prozent der Arbeitskosten entfielen 2024 auf Bruttoverdienste, 22,8 Prozent auf Lohnnebenkosten. Zu den Bruttoverdiensten zählen neben dem Entgelt für geleistete Arbeit auch Sonderzahlungen, Sachleistungen, Vergütung für Urlaub und Feiertage sowie die Verdienste von Auszubildenden.

Der größte einzelne Nebenposten waren die gesetzlichen Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung mit 13,6 Prozent der gesamten Arbeitskosten. Weitere 3,6 Prozent entfielen vor allem auf die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall. Die betriebliche Altersversorgung machte 2,2 Prozent aus, Aus- und Weiterbildung 0,4 Prozent.

Der Begriff „Nettoarbeitskosten“ ist dabei aus Unternehmenssicht zu verstehen. Er bezeichnet die Bruttoarbeitskosten abzüglich empfangener Lohnsubventionen, etwa erstatteter Lohn- und Gehaltszahlungen der Bundesagentur für Arbeit. Er beschreibt nicht den Nettolohn der Beschäftigten.

Die Unterschiede spiegeln Geschäftsmodelle und Beschäftigtenstruktur

Der Branchenvergleich zeigt, wie unterschiedlich kapitalintensive, wissensintensive und personalintensive Geschäftsmodelle arbeiten. In der Energieversorgung stiegen die Kosten gegenüber 2020 um 16 Prozent. In Information und Kommunikation betrug das Plus 12,3 Prozent. Deutlich höhere Zuwächse meldet das Landesamt für die öffentliche Verwaltung mit 22,1 Prozent sowie für das Gesundheits- und Sozialwesen mit 21,3 Prozent.

Im Gastgewerbe erhöhten sich die Arbeitskosten um 19 Prozent auf 26,48 Euro. Der Wert bleibt damit trotz des kräftigen prozentualen Anstiegs der niedrigste unter den in der Mitteilung hervorgehobenen Wirtschaftsabschnitten. Für Betriebe sagt der Durchschnitt allein jedoch wenig über ihre konkrete Belastung aus. Tarifbindung, Qualifikation, Betriebsgröße, Arbeitszeitstruktur, Fehlzeiten und Sonderzahlungen können den tatsächlichen Wert stark verändern.

Gerade in der Industrie trifft das höhere Kostenniveau auf einen schwierigen Strukturwandel. Eine aktuelle insideBW-Auswertung zur Autoindustrie zeigt zwar eine bessere Stimmung und steigende Industrieindikatoren, zugleich aber weiter sinkende Beschäftigung. Die neue Arbeitskostenstatistik erklärt einen Teil des Standortumfelds, belegt für sich genommen jedoch weder Stellenabbau noch Wettbewerbsnachteile.

Was die Erhebung misst – und was nicht

Die Arbeitskostenerhebung wird alle vier Jahre nach europaweit einheitlichen Standards durchgeführt. Für Baden-Württemberg wurden knapp 3.800 Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten über ein mathematisch-statistisches Stichprobenverfahren ausgewählt. Kleine Betriebe unterhalb dieser Schwelle sind damit nicht Teil der Erhebung.

Gemessen werden die Kosten je tatsächlich geleisteter Stunde einer Vollzeiteinheit. Dadurch kann sich der Wert nicht nur verändern, wenn Löhne oder Sozialbeiträge steigen. Auch weniger geleistete Stunden bei gleichbleibenden personalbezogenen Aufwendungen erhöhen rechnerisch die Kosten je Stunde.

Jährliche Arbeitskostenangaben des Statistischen Bundesamts zwischen zwei großen Erhebungen beruhen dagegen auf Fortschreibungen mit Arbeitskostenindizes. Für Deutschland nennt Destatis für 2025 durchschnittlich 45 Euro je Stunde. Dieser fortgeschriebene Bundeswert und das neue baden-württembergische Erhebungsergebnis beantworten unterschiedliche Vergleichsfragen; eine einfache Rangfolge ohne Methodikabgleich wäre deshalb irreführend.

Belastbar ist der regionale Befund: Die Arbeitskosten im Südwesten sind seit 2020 deutlich gestiegen, während die Branchenabstände groß bleiben. Ob ein Betrieb dadurch tatsächlich an Wettbewerbsfähigkeit verliert, hängt zusätzlich von Produktivität, Preisen, Auslastung und Wertschöpfung ab. Diese Größen misst die Arbeitskostenerhebung nicht.

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