Die Sorge vor höheren Energierechnungen trifft auf begrenzte finanzielle Möglichkeiten: In einer Onlinebefragung mit 3.000 Menschen in Deutschland hielten sich 65 Prozent für kaum oder gar nicht in der Lage, energetische Sanierungen zu finanzieren. Knapp drei Viertel erwarteten deutlich steigende Energiekosten. Ausgewertet wurde die deutsche Stichprobe im EU-Projekt PREFIGURE, das vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) koordiniert wird.
Die Zahlen beschreiben Einschätzungen der Befragten, keine tatsächlich geprüften Kontostände oder Sanierungsangebote. Dennoch machen sie einen Konflikt sichtbar: Wer steigende Kosten erwartet, könnte grundsätzlich ein Interesse an geringerem Energieverbrauch haben. Gerade die Gruppen mit wenig finanziellem Spielraum können die dafür nötigen Investitionen jedoch am schwersten vorfinanzieren.
Für Mietende verschärft fehlende Mitsprache das Problem
Zwischen Mietenden und Menschen im eigenen Wohneigentum fällt der Unterschied deutlich aus. Unter den Mietenden hielten 75 Prozent klimafreundliche Renovierungen für eher nicht oder überhaupt nicht leistbar. Bei den Befragten mit Wohneigentum waren es 55 Prozent.
Geld ist nach der Auswertung nicht die einzige Hürde. Von 1.126 Mietenden, in deren Wohnungen energetische Maßnahmen bereits umgesetzt oder geplant wurden, berichteten rund 78 Prozent, kaum oder gar nicht in die Entscheidungen einbezogen worden zu sein. Damit hängt die wahrgenommene Handlungsfähigkeit auch davon ab, ob Betroffene Einfluss auf Planung, Kosten und Umsetzung haben.
Das Projektteam leitet daraus zwei Empfehlungen ab: Förderangebote sollten sozial abgestuft, einfach zugänglich und mit möglichst geringer Vorfinanzierung verbunden sein. Für Mietende fordert es wirksame Beteiligungsmöglichkeiten und finanziell tragbare Lösungen. Das sind Vorschläge der Forschenden, keine bereits beschlossenen Förder- oder Mietrechtsregeln.
Ein Sorgenindikator bündelt drei verschiedene Belastungen
Um die Energiekostensorgen vergleichbar zu machen, fassten die Forschenden drei Aussagen zusammen: Befragte empfinden ihre Energiepreise als unfair, erwarten deutliche Preissteigerungen oder halten klimafreundliche Renovierungen für nicht bezahlbar. Wer mindestens zwei dieser Einschätzungen teilte, wurde der Gruppe mit hoher Energiekostensorge zugerechnet.
Nach diesem Maßstab erreichten 63 Prozent der deutschen Stichprobe einen hohen Sorgenwert. Unter Menschen, bei denen Energiekosten mindestens 15 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens beanspruchten, lag der Anteil bei 79 Prozent. Selbst bei einer Belastung unter fünf Prozent waren es noch 56 Prozent. Bei Alleinerziehenden erreichte der Wert 75 Prozent.
Der Indikator bildet damit mehr ab als die aktuelle Rechnung. Er verbindet finanzielle Belastung, Erwartungen für die Zukunft und die wahrgenommene Möglichkeit, selbst etwas am Energieverbrauch des Gebäudes zu verändern. Genau deshalb darf er nicht mit gemessener Energiearmut oder einer amtlichen Armutsquote gleichgesetzt werden.
Die Umfrage zeigt Zusammenhänge, aber keine Ursachen
Die Befragung lief Ende 2025 über die Marktforschungsplattform Dynata. Neben Deutschland wurden Daten in Bulgarien, Dänemark, Estland, Griechenland, den Niederlanden und Spanien erhoben. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) führte die Auswertung der deutschen Stichprobe. Das KIT koordiniert das Gesamtprojekt und den internationalen Vergleich.
Die veröffentlichte Zusammenfassung nennt Zusammenhänge, belegt aber keine Kausalität. Menschen mit größerer Vertrautheit mit erneuerbaren Energietechnologien äußerten seltener hohe Sorgen. Daraus folgt nicht automatisch, dass mehr Wissen die Sorgen senkt. Möglich ist ebenso, dass Einkommen, Bildung, Wohnsituation oder andere Faktoren sowohl den Wissensstand als auch die Einschätzungen beeinflussen.
Auch die Übertragbarkeit muss vorsichtig behandelt werden. Die Presseinformationen nennen Umfang, Plattform und Befragungszeitraum, erläutern aber nicht vollständig, wie die deutsche Stichprobe gewichtet wurde und in welchen Merkmalen sie die Bevölkerung repräsentiert. Die Prozentwerte sind deshalb aussagekräftige Befragungsergebnisse, aber keine exakte Prognose für jeden Haushalt in Baden-Württemberg.
Karlsruhe wird zum Prüfstein für lokale Lösungen
Für Baden-Württemberg ist das Projekt nicht nur wegen der Koordination am KIT relevant. PREFIGURE verbindet die Befragungen mit Fallstudien in elf europäischen Städten; Karlsruhe gehört dazu. Untersucht werden lokale Ansätze, die bezahlbares Wohnen, Energieeffizienz und Beteiligung zusammenbringen sollen.
Ein bereits betrachtetes Beispiel kommt aus Bulgarien: Dort kombiniert ein Programm zinsfreie Mikrokredite für kleinere Reparaturen und Effizienzmaßnahmen mit Beratung und Workshops. Ob ein solches Modell auf Karlsruhe oder deutsche Förderstrukturen übertragbar wäre, ist mit der Nennung im Projekt noch nicht bewiesen.
Die belastbarere Auswertung steht noch aus. Für Anfang 2027 kündigt PREFIGURE ein Dossier mit vertieften statistischen Analysen und europäischen Vergleichen an. Bis zum Projektende im März 2027 sollen daraus Handlungsempfehlungen für Politik, Wohnungswirtschaft und Zivilgesellschaft entstehen. Erst diese nächsten Schritte werden zeigen, welche der beobachteten Unterschiede auch nach einer umfassenderen Analyse Bestand haben.





