Der ehemalige Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess bewertet die Möglichkeit, Elektroautos als Stromspeicher für das öffentliche Netz zu nutzen, als bedeutenden „Durchbruch“. Er hob in einem Interview mit dem „Spiegel“ hervor, dass die Kapazität der derzeit etwa zwei Millionen Elektro-Pkw in Deutschland bereits ausreichen würde, um überschüssigen Solarstrom aufzunehmen und diesen bei Bedarf nachts wieder ins Netz einzuspeisen.
Diese Entwicklung des bidirektionalen Ladens, welches bald kommerziell verfügbar sein soll, bringe eine vollständige Versorgung durch erneuerbare Energien näher. Dies sei auch ohne einen teuren Netzausbau oder gar den Bau neuer Gaskraftwerke realisierbar.
Diess zufolge könnten die Fahrzeughalter finanziell profitieren. Er verwies auf erste Erfahrungen in Frankreich, wo die „Stromrechnung fürs Auto praktisch wegfällt“. In Deutschland werde dieses Modell noch durch die Regelung erschwert, dass bei jedem Stromfluss in oder aus dem Akku Netzentgelte anfallen. Der Bundestag hat jedoch Mitte November beschlossen, dieses Hindernis ab 2026 zu beseitigen.
Ergänzend forderte Diess eine grundlegende Reform des Netzbetriebs in Deutschland. Er kritisierte, dass der französische Zentralstaat die Organisation „doppelt so gut wie die 866 lokalen deutschen Monopolisten“ handhabe. Das kleinteilige privatwirtschaftlich-kommunale Modell in Deutschland sei „grottenschlecht“ und „Steinzeit“.
Die Debatte um das in der Europäischen Union geplante Verbrenner-Aus bezeichnete Diess als „etwas sehr Deutsches, dieses Hadern lieben wir einfach“. Seiner Ansicht nach sei das Rennen zugunsten der E-Autos bereits entschieden, und Deutschland kümmere sich zu wenig um die zukünftigen Gewinner der Antriebswende.
Diess, studierter Ingenieur der Fahrzeugtechnik, war bis 2022 Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns und setzte maßgeblich auf Elektromobilität. Heute ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Chipkonzerns Infineon und leitet den Verwaltungsrat des Energiedienstleisters The Mobility House, welcher unter anderem mit Renault und Mercedes-Benz im Bereich des bidirektionalen Ladens tätig ist.
(Mit Material der dts Nachrichtenagentur erstellt)


