Eine Region kann auf dem Papier gleich viele oder sogar mehr Pflanzenarten beherbergen und trotzdem ökologisch ärmer werden. Genau dieses scheinbare Paradox zeigt eine neue Studie des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart und der Universität Hohenheim. Das Forschungsteam wertete mehr als 2,5 Millionen Beobachtungen aus Baden-Württemberg aus, die zwischen 1970 und 2023 gesammelt wurden. Besonders artenreiche Räume, darunter die Schwäbische Alb und der Schwarzwald, verloren demnach tendenziell jene Vielfalt, die sie ökologisch besonders macht.
Der Befund ist für den Naturschutz im Land relevant, weil er eine verbreitete Kennzahl relativiert: Die reine Zahl gefundener Arten reicht nicht aus, um den Zustand eines Lebensraums zu beurteilen. Wenn weit verbreitete oder störungstolerante Pflanzen zunehmen, während regionale Spezialisten verschwinden, kann die Gesamtzahl stabil bleiben. Verloren gehen dann dennoch besondere ökologische Funktionen und ein Teil der evolutionären Eigenart einer Landschaft.
Die Studie betrachtet drei Dimensionen der Vielfalt
Die in Global Change Biology veröffentlichte Arbeit analysiert Beobachtungen von 1.957 Gefäßpflanzenarten über 53 Jahre. Neben der taxonomischen Vielfalt – also der Zahl und Zusammensetzung der Arten – untersuchte das Team die funktionale Vielfalt und die evolutionäre Verwandtschaft der Pflanzen.
Zur funktionalen Vielfalt zählen Merkmale wie Wuchshöhe, Blatteigenschaften oder Samengröße. Solche Merkmale geben Hinweise darauf, welche ökologischen Strategien in einer Pflanzengemeinschaft vertreten sind. Die phylogenetische Vielfalt beschreibt dagegen, wie eng oder entfernt die vorhandenen Arten miteinander verwandt sind. Diese drei Ebenen entwickelten sich nicht überall parallel. Ein Gebiet konnte bei der Artenzahl stabil erscheinen und zugleich funktionale oder evolutionäre Vielfalt verlieren.
Das ist der zentrale Erkenntnisgewinn der Studie: Biodiversitätswandel lässt sich nicht zuverlässig auf eine einzige Kurve reduzieren. Für Schutzentscheidungen zählt, welche Arten verschwinden, welche hinzukommen und welche Eigenschaften dadurch in einem Lebensraum verloren gehen.
Warum Hotspots besonders verletzlich erscheinen
Besonders vielfältige Gebiete zeigten über den Untersuchungszeitraum hinweg tendenziell Verluste. Auf der Schwäbischen Alb betrifft das etwa artenreiche Kalkmagerrasen. Im Schwarzwald gehören Silikat-Magerwiesen zu den charakteristischen Lebensräumen. Beide Wiesentypen sind nährstoffarm und auf extensive Nutzung beziehungsweise regelmäßige Pflege angewiesen. Intensive Düngung und häufige Mahd können konkurrenzschwache Spezialisten verdrängen.
Nach Angaben des Forschungsteams breiten sich häufig stickstofftolerante, störungsangepasste, konkurrenzstarke oder nicht heimische Arten aus. Rückläufig seien dagegen unter anderem Lebensraumspezialisten, an Feuchtgebiete oder kühle Bedingungen angepasste Pflanzen sowie Orchideen und andere naturschutzfachlich bedeutsame Arten.
Ein Beispiel ist das Kleine Knabenkraut, das auf ungedüngte, nährstoffarme Wiesen angewiesen ist und in Baden-Württemberg als gefährdet gilt. Sein Rückgang steht exemplarisch für eine Verschiebung, die eine bloße Artenzählung verdecken kann.
Klima und Landnutzung erklären nicht allein jedes Muster
Die Forschenden verknüpften die floristischen Daten mit Informationen zu Klima, Landnutzung, atmosphärischer Ammoniakbelastung, Böden und Topografie. Dabei zeigten sich Zusammenhänge: Klima und menschliche Aktivität prägten vor allem taxonomische und funktionale Veränderungen; bei der evolutionären Vielfalt spielte zusätzlich die geologische und landschaftliche Ausstattung eine Rolle.
Die Studie belegt damit jedoch keine einzelne Ursache für jeden lokalen Verlust. Die Daten stammen aus einem langfristigen Citizen-Science- und Monitoringprojekt, nicht aus einem kontrollierten Experiment. Beobachtete statistische Zusammenhänge können Einflussfaktoren sichtbar machen, ersetzen aber keinen kausalen Nachweis. Auch die Autorinnen und Autoren betonen, dass kein Faktor sämtliche Muster erklärte.
Diese Einschränkung ist entscheidend für die politische Einordnung. Aus der Untersuchung folgt nicht, dass eine landesweit einheitliche Maßnahme überall denselben Effekt hätte. Vielmehr reagieren die verschiedenen Dimensionen der Vielfalt je nach Standort unterschiedlich.
Was der Befund für Baden-Württemberg bedeutet
Für Schutzprogramme bedeutet das: Ziele müssen regional präziser formuliert werden. Es genügt nicht, eine möglichst hohe Artenzahl anzustreben. Schutzkonzepte sollten auch charakteristische Spezialisten, funktionale Eigenschaften und evolutionär eigenständige Pflanzen berücksichtigen. Das spricht für standortbezogene Pflege, langfristiges Monitoring und Auswertungen, die über einfache Artenlisten hinausgehen.
Die Arbeit baut auf der Floristischen Kartierung Baden-Württemberg auf, einem der ältesten Projekte dieser Art in Europa. Ehrenamtliche Botanikerinnen und Botaniker sowie Fachleute haben dafür über Jahrzehnte Beobachtungen zusammengetragen. Der umfassendere Kartierungsbestand enthält inzwischen rund 3,5 Millionen Nachweise; für die jetzt veröffentlichte Analyse nutzte das Forschungsteam mehr als 2,5 Millionen davon.
2028 soll die dritte Erfassungsrunde der Floristischen Kartierung beginnen. Das Naturkundemuseum entwickelt zudem eine App, die neue Beobachtungen digital erfassbar und schneller auswertbar machen soll. Damit wird die Studie nicht zum Schlusspunkt, sondern zu einer belastbaren Zwischenbilanz: Sie zeigt, an welchen Orten eine stabile Artenzahl ein falsches Sicherheitsgefühl erzeugen kann.
Ein früherer Hohenheimer Beitrag auf insideBW ordnete bereits ein, welche wirtschaftlichen Risiken der Verlust von Bestäubern mit sich bringen kann. Die neue Pflanzenstudie setzt an einer anderen Ebene an: Sie macht sichtbar, dass Biodiversitätsverlust schon innerhalb scheinbar stabiler Artengemeinschaften stattfinden kann. Zum Hintergrund über die Folgen des Insektensterbens.




