Zum Hauptinhalt springen
Schulabsentismus

Schulfehlzeiten: BW testet Monitoring und Mentoring bis 2029

Fehlzeiten entstehen oft lange vor dem vollständigen Rückzug aus der Schule. Ein neues baden-württembergisches Modellprojekt setzt deshalb auf systematisches Monitoring und feste Bezugspersonen – belastbare Ergebnisse stehen aber noch aus.

[insidebw_article_meta_full]
Christine Sälzer, Expertin für Schulabsentismus
Christine Sälzer forscht zu Schulabsentismus und hat am Bericht des Europarats mitgearbeitet.
Foto: Roland Geiger

Fehlzeiten sind ein Warnsignal, keine Diagnose

Wenn Kinder oder Jugendliche dem Unterricht fernbleiben, steckt dahinter nicht automatisch bewusste Schulverweigerung. Darauf weist die Bildungsforscherin Christine Sälzer in einem aktuellen Gespräch der Universität Stuttgart hin. Mögliche Ursachen reichen von familiären oder emotionalen Belastungen über Konflikte mit Gleichaltrigen und Lernschwierigkeiten bis zu fehlender Zugehörigkeit in der Schule. Aus einzelnen Fehltagen lässt sich deshalb noch keine Ursache ableiten.

Entscheidend ist vielmehr das Muster: Häufen sich Verspätungen, einzelne versäumte Stunden oder ganze Fehltage, sollten Schulen früh reagieren. Sälzer empfiehlt, die Entwicklung gemeinsam mit dem jungen Menschen und den Eltern zu klären. Eine verlässliche Ansprechperson in der Schule könne dabei wichtiger sein als eine isolierte Sanktion. Wo gesundheitliche, psychosoziale oder familiäre Probleme eine Rolle spielen, braucht es zudem passende Fachstellen statt vorschneller Zuschreibungen.

Anzeige

Was der Europarat Schulen und Kommunen empfiehlt

Der Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarats hat am 28. Oktober 2026 eine europäische Strategie zum Umgang mit Schulabsentismus beraten. Der Bericht fordert zunächst eine gemeinsame Definition und eine verlässliche Erfassung von Anwesenheit. Erst dadurch sollen auffällige Entwicklungen früh sichtbar werden. Solche Systeme müssen nach dem Bericht zugleich den Datenschutz wahren und dürfen nicht dazu führen, gefährdete Schülerinnen und Schüler pauschal zu stigmatisieren.

Die Empfehlungen gehen über die Schule hinaus. Jugendhilfe, Gesundheitsversorgung, psychosoziale Dienste und kommunale Stellen sollen Informationen und Hilfen besser koordinieren. Für die Rückkehr werden flexible Wege vorgeschlagen, etwa schrittweise Wiedereinstiege und individuell abgestimmte Lernangebote. Die Strategie ist eine politische Empfehlung; sie belegt noch nicht, dass jede vorgeschlagene Maßnahme unter allen Bedingungen wirksam ist.

Baden-Württemberg testet Monitoring plus feste Bezugspersonen

In Baden-Württemberg läuft seit März 2026 das Modellprojekt „Stay@School Baden-Württemberg“. Es wird vom Kultusministerium gefördert und von der Universität Stuttgart wissenschaftlich begleitet. An beteiligten Startchancen-Schulen sollen Anwesenheit, schulische Entwicklung und Wohlbefinden systematischer beobachtet werden. Pädagogische Assistentinnen und Assistenten übernehmen dabei eine Mentoring-Rolle und sollen eine kontinuierliche Beziehung zu gefährdeten Schülerinnen und Schülern aufbauen.

Das Projekt orientiert sich am Ansatz „Check & Connect“. Neben Materialien und Fortbildungen sind Coaching, Supervision und ein Austausch zwischen den beteiligten Schulen vorgesehen. Der Projektzeitraum reicht bis Ende 2029. Wie viele Schulen und Schülerinnen und Schüler konkret in die wissenschaftliche Erprobung einbezogen werden, geht aus der öffentlich zugänglichen Projektbeschreibung nicht hervor.

Der größere Rahmen ist das Startchancen-Programm. Nach Angaben des Kultusministeriums nehmen in Baden-Württemberg 540 Schulen mit rund 140.000 Kindern und Jugendlichen teil. Ausgewählt wurden Standorte mit besonderer sozialer und bildungsbezogener Belastung. Das Programm läuft bis 2034; daraus folgt jedoch nicht, dass alle Startchancen-Schulen auch Teil von Stay@School sind.

Was die PISA-Auswertung belegt – und was nicht

Eine Auswertung der deutschen PISA-Daten von 2012 bis 2022 zeigt, dass Schulabsentismus nicht erst mit der Corona-Pandemie aufkam. Für 2022 berichteten rund elf Prozent der befragten 15-Jährigen, in den beiden vollständigen Schulwochen vor der Erhebung mindestens einen ganzen Schultag geschwänzt zu haben. Etwa 15 Prozent gaben mindestens eine versäumte Stunde an. Je nach zusammengefasster Kennzahl lag der Anteil mit mindestens einer entsprechenden Fehlzeit bei knapp einem Fünftel.

Die Zahlen sind mit Grenzen zu lesen. Sie beruhen auf Selbstauskünften und erfassen einen kurzen Zeitraum. Außerdem zeigen statistische Zusammenhänge keine eindeutigen Ursachen. In der Studie stehen Fehlzeiten unter anderem mit dem schulischen Wohlbefinden, dem Verhältnis zu Lehrkräften, Mobbingerfahrungen sowie persönlichen und sozialen Bedingungen in Verbindung. Der erklärte Anteil der Unterschiede bleibt jedoch gering. Ein einzelner Risikofaktor eignet sich daher nicht als verlässliche Diagnose.

Dass soziale Ausgangslagen Bildungschancen beeinflussen, zeigt auch die frühere insideBW-Auswertung zum IQB-Bildungstrend. Beim Umgang mit Fehlzeiten kommt es deshalb darauf an, Unterstützungsbedarf zu erkennen, ohne Armut, familiäre Belastungen oder schulische Schwierigkeiten mit persönlichem Versagen gleichzusetzen.

Woran sich das Modellprojekt messen lassen muss

Für eine belastbare Bewertung reicht es nicht, nur registrierte Fehltage zu zählen. Relevant ist auch, ob Jugendliche dauerhaft in den Unterricht zurückkehren, am Schulleben teilnehmen, ihr Wohlbefinden verbessern und Schulabbrüche vermieden werden. Ebenso muss geprüft werden, ob das Angebot besonders belastete Gruppen tatsächlich erreicht und ob durch engmaschige Datenerfassung neue Nachteile entstehen.

Eltern und Schulen können schon vor Abschluss des Projekts auf Veränderungen achten: wiederkehrende Verspätungen, einzelne regelmäßig versäumte Stunden oder ein deutlicher Rückzug sollten Anlass für ein frühes, nicht vorverurteilendes Gespräch sein. Akute gesundheitliche oder psychische Beschwerden gehören in die Hände geeigneter medizinischer oder psychosozialer Fachstellen.

Ob Monitoring und Mentoring Fehlzeiten in Baden-Württemberg nachhaltig verringern, ist derzeit offen. Stay@School läuft bis Ende 2029; belastbare Projektergebnisse sind bislang nicht veröffentlicht.

Baden-Württemberg-News zuerst
InsideBW bei Google als bevorzugte Quelle festlegen und regionale Meldungen künftig häufiger sehen.

InsideBW.de bei Google bevorzugen →

Universität Stuttgart: https://www.uni-stuttgart.de/universitaet/aktuelles/meldungen/Why-children-and-teens-miss-school-and-how-they-can-get-back-on-track/
Europarat: https://www.coe.int/en/web/portal/-/-ticking-timebomb-of-school-absenteeism-in-europe-which-has-rocketed-since-covid-19
Universität Stuttgart, Projekt Stay@School: https://fis.uni-stuttgart.de/converis/portal/detail/Project/56910299?lang=de_DE
Kultusministerium Baden-Württemberg: https://km.baden-wuerttemberg.de/de/schule/schulartuebergreifend/startchancen-programm/auswahl-startchancen-schulen
Zeitschrift für Erziehungswissenschaft: https://link.springer.com/article/10.1007/s11618-025-01292-5

Quellen und Methodik:
insideBW prüft Informationen nach redaktionellen Standards. Mehr über unsere Arbeitsweise erfahren Sie unter Quellen & Methodik.