Gegen Verschwörungstheorien gibt es kein Patentrezept

EU-Forschungsprojekt mit Beteiligung der Universität Tübingen analysiert Millionen Posts – warum sich Verschwörungsmythen kaum „wegfakten“ lassen

EU-Forschungsprojekt mit Beteiligung der Universität Tübingen analysiert Millionen Posts – warum sich Verschwörungsmythen kaum „wegfakten“ lassen
Bild: insidebw.de
In den sozialen Medien brodelt es seit Jahren, oft leise, manchmal laut, manchmal offen aggressiv, manchmal nur zwischen den Zeilen, und genau dort, in diesem schwer greifbaren Raum aus Kommentaren, geteilten Links, Memes und gegenseitiger Bestätigung, haben Forschende aus mehreren europäischen Ländern genauer hingeschaut, um zu verstehen, wie Verschwörungstheorien entstehen, wachsen und sich verfestigen – mit einem Ergebnis, das einfacher klingt, als es ist.
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An dem europäischen Forschungsprojekt REDACT beteiligte sich auch die Universität Tübingen. Gemeinsam mit Partnern aus Großbritannien, dem Baltikum, dem Balkan und Zentraleuropa wurden rund sechs Millionen Beiträge aus sozialen Netzwerken analysiert, gesammelt zwischen 2019 und 2024, also in einer Phase massiver gesellschaftlicher Umbrüche, Krisen und digitaler Beschleunigung. Die Gesamtkoordination lag beim King’s College London.

Diskurs oft alarmistisch

Für den deutschsprachigen Raum trug das Team aus Tübingen eine besondere Verantwortung, denn hier zeigte sich laut Studie ein eigenes, teils sehr dichtes Geflecht aus alternativen Medien, politischen Debatten und klassischen Publikationen, das Verschwörungstheorien nicht nur weiterträgt, sondern ihnen auch eine gewisse Legitimität verleiht, selbst dann, wenn die Inhalte wissenschaftlich kaum haltbar sind.

Professor Michael Butter bringt es so auf den Punkt:
„Der deutschsprachige Diskurs über Verschwörungstheorien ist jedoch häufig alarmistisch und einseitig, was sich bisweilen negativ auf die zahlreichen Projekte zur Bekämpfung von Verschwörungstheorien auswirkt, die wir ebenfalls untersucht haben.“ Klare Worte. Und sie sitzen.

Nicht alles gleich gefährlich

Das Forschungsteam macht dabei bewusst Unterschiede. Nicht jede Verschwörungserzählung richte automatisch großen Schaden an, betonen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, doch problematisch werde es dort, wo solche Narrative Identität stiften, Gemeinschaft erzeugen und sich gegen jede Form externer Kritik immunisieren, was klassische Faktenchecks schnell wirkungslos macht.

Genau hier liegt der Knackpunkt, denn Verschwörungstheorien funktionieren anders als einfache Falschmeldungen. Sie sind mehr als ein Irrtum. Sie geben Halt. Sie erklären die Welt. Und sie schaffen Zugehörigkeit, selbst wenn diese Zugehörigkeit auf Abgrenzung basiert.

Twitter/X, Telegram und Co.

Um dieses digitale Ökosystem greifbar zu machen, identifizierten die Forschenden zunächst typische Schlagwörter und Erzählmuster. Anschließend sammelten sie Beiträge aus sozialen Netzwerken wie Twitter/X, Facebook, Instagram und Telegram. Die schiere Menge zeigt, wie tief solche Inhalte inzwischen im Alltag verankert sind.

Mara Precoma, die als Doktorandin am Projekt beteiligt war, beschreibt den methodischen Ansatz so:
„Diese haben wir zunächst mit quantitativen Methoden analysiert, dann mit qualitativen, unter anderem auch mit Verfahren aus der Literaturwissenschaft, in denen die Textbedeutung in all ihren Nuancen erfasst wird.“

Kritik an Gegenprojekten

Neben der Analyse der Inhalte selbst nahmen die Teams auch die bestehenden Gegenmaßnahmen unter die Lupe. Interviews mit staatlichen Stellen, Initiativen und Beratungsangeboten, etwa für Angehörige von Betroffenen, zeigten ein differenziertes Bild, aber auch deutliche Schwächen, die sich quer durch mehrere Länder ziehen.

Viele Projekte arbeiten engagiert, aber unter schwierigen Bedingungen. Zu kurze Förderzeiträume. Zu wenig Flexibilität. Zu viel Bürokratie. Und teilweise Annahmen, die nicht mehr zur heutigen digitalen Realität passen, so die zentrale Kritik. Hier hapert die Kontrole.

Maßgeschneiderte Lösungen gefordert

Ein zentrales Ergebnis des Projekts lautet daher: Modelle lassen sich nicht einfach von Land zu Land kopieren. Was in einem gesellschaftlichen Kontext funktioniert, scheitert anderswo, weil Ursachen, Milieus und digitale Dynamiken unterschiedlich sind.

Mara Precoma formuliert es deutlich:
„Wichtig ist auch, dass die Aneignung einer Verschwörungstheorie als Symptom einer schwierigen gesellschaftlichen Gemengelage betrachtet werden sollte, nicht als Ursache.“

Ein Satz, der nachwirkt, weil er den Blick verschiebt. Weg vom schnellen Bekämpfen. Hin zum Verstehen. Wer nur Symptome bekämpft, wird scheitern. Wer Ursachen ignoriert, ebenfalls. Das ist entscheidend.

Blick auf Schulen und Ältere

Für Deutschland sieht das Team besonderen Handlungsbedarf bei der Zielgruppenansprache. Viele Präventionsangebote richten sich bislang vor allem an Gymnasien. Andere Schulformen, aber auch ältere Menschen, die laut Studie besonders anfällig für bestimmte Verschwörungstheorien sind, bleiben häufig außen vor.

Hier müsse dringend nachjustiert werden, sagen die Forschenden, sonst laufe ein Teil der Bemühungen ins Leere oder erreiche nur ohnehin bereits sensibilisierte Gruppen. Ein klassischer blinder Fleck.

Forschung mit gesellschaftlichem Anspruch

Zum Abschluss ordnet auch die Hochschulleitung die Ergebnisse ein. Rektorin Karla Pollmann betont:
„Die Universität Tübingen sieht es als ihre Aufgabe, gesellschaftlich relevante Themen wissenschaftlich zu beleuchten. Forschung wie die im Projekt REDACT leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die Mechanismen hinter gesellschaftlichen Phänomenen zu verstehen und wirksame Strategien für eine offene, faktenbasierte Kommunikation zu entwickeln.“ Ein Anspruchm mit Gewicht. Und mit einer klaren Botschaft: Wer Verschwörungstheorien begegnen will, braucht Geduld, Kontextwissen und flexible Konzepte – einfache Antworten reichen nicht.

Verwendete Quellen:

  • REDACT
  • Universität Tübingen