Die Analyse, erschienen im Fachjournal Environmental Health, basiert auf 46 Studien und sorgt seit ihrer Veröffentlichung Mitte August 2025 für Aufsehen. Die Forschenden aus den USA, Schweden und Deutschland werteten Daten aus zigtausenden Schwangerschaften aus – und kamen zu einem eindeutigen Ergebnis: Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, litten häufiger unter Aufmerksamkeitsstörungen, sozialem Rückzug oder anderen neurologischen Auffälligkeiten.
Ein Mittel für alles – und genau das ist das Problem
Paracetamol ist das beliebteste Schmerzmittel weltweit – gerade bei werdenden Müttern. Über 60 Prozent aller Schwangeren greifen dazu, bei Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Fieber. Denn Ibuprofen, Diclofenac und Co. gelten im letzten Drittel der Schwangerschaft als riskant – Paracetamol hingegen schien bislang sicher.
Doch genau das wird jetzt infrage gestellt. Die neue Übersichtsarbeit, durchgeführt nach der sogenannten Navigation-Guide-Methodik, ist die bislang gründlichste ihrer Art. Sie zeigt: Vor allem bei häufiger oder langfristiger Einnahme steigt das Risiko für das Kind. Besonders betroffen sind offenbar das zweite und dritte Trimester – also ausgerechnet die Phasen, in denen viele Frauen zu Paracetamol greifen.
Klares Ergebnis: 27 von 46 Studien zeigen einen Zusammenhang
Von den untersuchten Studien fanden 27 einen positiven Zusammenhang zwischen pränataler Paracetamol-Exposition und neuroentwicklungsbezogenen Störungen wie ADHS oder Autismus. Neun Studien fanden keinen Effekt, vier sahen sogar einen möglichen Schutzeffekt – doch die Mehrheit spricht eine klare Sprache. Und: Je besser die Studien gemacht waren, desto deutlicher fiel der Zusammenhang aus.
„Die Hinweise sind nicht mehr zu ignorieren“, sagen die Autoren der Analyse. Zwar könne man aus Beobachtungsstudien keine eindeutige Kausalität ableiten – doch die Datenlage sei so konsistent, dass Handlungsbedarf bestehe.
Was passiert im Körper? Warum ist Paracetamol plötzlich gefährlich?
Paracetamol passiert die Plazenta – das ist bekannt. Im Körper des ungeborenen Kindes kann es dann eine Kaskade an Veränderungen auslösen: oxidativer Stress, Störungen im Hormonhaushalt, epigenetische Veränderungen an der DNA. All das kann – besonders im sensiblen Prozess der Hirnentwicklung – langfristige Schäden hinterlassen.
Tierversuche und Zellstudien unterstützen diese These. Forscher fanden unter anderem veränderte Genaktivitäten in Nervenzellen, Störungen bei der Ausbildung von Synapsen, Hinweise auf Entzündungsprozesse im Gehirn.
Gibt es auch Gegenstimmen? Ja – aber sie überzeugen nicht alle
Einige Wissenschaftler verweisen auf sogenannte Geschwisterkontrollstudien, bei denen Kinder innerhalb derselben Familie verglichen wurden – mit und ohne Paracetamol-Exposition. Dort zeigten sich keine signifikanten Unterschiede. Doch diese Studien haben Schwächen: Sie hatten oft geringe Fallzahlen und stützten sich auf ungenaue Selbstauskünfte der Mütter.
„Wenn die Exposition nicht zuverlässig erfasst wird, kann man auch keine klaren Ergebnisse erwarten“, kritisiert Umweltmedizinerin Prof. Dr. Beate Ritz, Mitautorin der neuen Analyse.
Die große Frage: Was sollen Schwangere jetzt tun?
Die Studienautoren raten nicht zur Panik – aber zur Vorsicht. Paracetamol solle nur dann genommen werden, wenn es wirklich nötig ist. „So wenig wie möglich, so kurz wie nötig – und immer erst nach Rücksprache mit dem Arzt“, heißt es in der Empfehlung.
Denn auch Fieber oder Schmerzen können Risiken bergen – etwa eine Frühgeburt oder Fehlbildungen verursachen. Wichtig ist daher immer die individuelle Abwägung.
„Wer einmal eine Tablette genommen hat, muss sich keine Sorgen machen“, beruhigen Experten. Aber regelmäßiger oder langanhaltender Gebrauch sei kritisch – besonders ohne medizinische Kontrolle.
Was bleibt? Ein Medikament, das neu bewertet werden muss
Paracetamol ist nicht verboten. Es steht auch nicht auf der Liste gefährlicher Substanzen. Aber: Die neue Analyse zeigt, dass wir umdenken müssen. Dass „sicher“ nicht automatisch „harmlos“ bedeutet. Und dass auch altbekannte Medikamente in sensiblen Phasen wie der Schwangerschaft mehr Aufmerksamkeit verdienen.
Die Studienlage wird weiter beobachtet. Und vielleicht folgen bald neue Empfehlungen von Fachgesellschaften. Bis dahin gilt: Wissen schützt – und klärt auf. Denn je besser informierte Schwangere sind, desto besser können sie entscheiden.


