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Hirnforschung aus Baden-Württemberg

Tübinger Studie: Zwei Krähen entscheiden im Test in 235 Millisekunden

Zwei Aaskrähen brauchten in einem Tübinger Experiment durchschnittlich 235 Millisekunden, um die Bewegungsrichtung eines Punktmusters zu bestimmen. Das war etwa doppelt so schnell wie Vergleichswerte für Menschen und Affen – die Studie erlaubt wegen der kleinen Stichprobe aber keine Aussage über „Krähen“ allgemein.

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Aaskrähe als Symbolbild zur Tübinger Studie über visuelle Entscheidungen
Aaskrähe (Symbolbild). Die Tübinger Studie untersuchte zwei trainierte Tiere in einer visuellen Entscheidungsaufgabe.
Foto: W. Bulach / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Entscheidungen können im Krähengehirn sehr schnell entstehen. Forschende der Universität Tübingen haben bei zwei Aaskrähen untersucht, wie die Tiere eine visuelle Bewegungsrichtung erkennen und wie sich dieser Prozess in einzelnen Nervenzellen abbildet. Die Ergebnisse erschienen am 22. Oktober 2026 im Fachjournal Science.

Was genau die Tiere entscheiden mussten

Auf einem berührungsempfindlichen Bildschirm sahen die Krähen viele weiße Punkte. Ein Teil davon bewegte sich gemeinsam nach links oder rechts, die übrigen Punkte bewegten sich zufällig. Die Tiere sollten die überwiegende Richtung erkennen und auf den passenden Zielkreis am Bildschirm picken.

Im Durchschnitt dauerte die Entscheidung 235 Millisekunden. Bei klaren Bewegungssignalen lag die Trefferquote nach Angaben der Universität bei nahezu 100 Prozent. Schwierige Muster erkannten die Tiere seltener richtig, ihre Leistung blieb aber oberhalb des Zufallsniveaus. Damit erfasste die Aufgabe nicht bloß eine schnelle Reaktion: Die Krähen mussten aus einem verrauschten Bildsignal eine Richtung ableiten.

Nervensignale trennten Richtungen nach 70 Millisekunden

Während der Versuche zeichneten Philipp Schmidbauer und Andreas Nieder die Aktivität von Nervenzellen im Nidopallium caudolaterale auf. Diese Assoziationsregion des Vogelgehirns erfüllt Funktionen, die mit Aufgaben des präfrontalen Kortex bei Primaten vergleichbar sind. Ein gleicher anatomischer Aufbau ist damit nicht gemeint.

Etwa 70 Millisekunden nach Beginn des Reizes unterschieden sich die gemessenen Signale bereits danach, welche Richtung die Punkte nahmen. Die Aktivität stieg anschließend schrittweise an, bis die Tiere ihre Wahl anzeigten. Nach Darstellung der Forschenden spiegelten die Neuronen sowohl die Stärke des visuellen Signals als auch die gewählte Richtung wider.

Was der Vergleich mit Menschen und Affen aussagt

Die 235 Millisekunden lagen ungefähr bei der Hälfte der Reaktionszeit, die in vergleichbaren Aufgaben für Menschen und nichtmenschliche Primaten berichtet wurde. Daraus folgt nicht, dass Krähen generell intelligenter sind. Verglichen wurde eine eng begrenzte Wahrnehmungsentscheidung unter Laborbedingungen – nicht Sprache, Planung oder allgemeine Problemlösefähigkeit.

Der Befund ist vor allem für die vergleichende Hirnforschung interessant. Vögel besitzen keine geschichtete Großhirnrinde wie Säugetiere. Trotzdem passte die beobachtete Dynamik zu etablierten Rechenmodellen, mit denen Forschende die schrittweise Bildung einer Entscheidung bei Primaten beschreiben. Unterschiedlich aufgebaute Gehirne können demnach bei derselben Aufgabe zu ähnlichen Verarbeitungsprinzipien gelangen.

Die kleine Stichprobe begrenzt die Aussage

Untersucht wurden nur zwei trainierte Aaskrähen. Die vielen Versuchsdurchgänge erlauben zwar eine genaue Analyse dieser beiden Tiere, ersetzen aber keine größere und vielfältigere Stichprobe. Offen bleibt deshalb, wie stark Alter, Erfahrung, Art oder individuelle Unterschiede die Geschwindigkeit beeinflussen.

Auch die Erklärung für den Zeitvorteil ist noch nicht geklärt. Die Forschenden halten es für möglich, dass schnelle visuelle und motorische Anforderungen beim Fliegen und bei der Nahrungssuche eine Rolle spielen. Welche neuronalen Mechanismen den Unterschied tatsächlich verursachen, muss in weiteren Experimenten geprüft werden.

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