Hoffnung, Schmerz – und ein Fall, der nie loslässt
Vor sechs Jahren verschwanden die dreijährige Viktoria Reiter und ihr Vater Julian spurlos. Ein Fall, der Ermittler ratlos zurückließ. Nach einem Jahr ohne Ergebnis kam das offizielle Urteil: erweiterter Suizid. Akte geschlossen. Doch für Anna Reiter – hervorragend gespielt von Maren Eggert – war dieser Satz nie mehr als ein Schlag ins Gesicht. Denn wie beendet man eine Suche, wenn das Herz keine Ruhe gibt?

© HR/Sommerhaus/Tatiana Vdovenko
„Eine Mutter sucht ihr Kind. Seit sechs Jahren sucht sie ihr Kind. Was sie braucht, ist Klarheit und Gewissheit. Schickst du sie nach Hause, wenn sie mit einem neuen Ansatz kommt?“
Melika Foroutan als Maryam Azadi im „Tatort: Licht“
Ein Satz, der sitzt. Ein Satz, der den Kern des Films trifft.
Ein neuer Hinweis – und plötzlich zwei Vermisste
Als Anna Reiter eine Belohnung für Hinweise aussetzt, meldet sich ein obdachloser Mann. Er behauptet, Viktoria gesehen zu haben. Azadi (Melika Foroutan) trifft sich mit ihm – doch der Mann erkennt sie als Polizistin, flieht panisch und wird tags darauf tot aufgefunden.
Und Anna? Spurlos verschwunden.
Aus einer Suchenden wird plötzlich eine Verdächtige. Aus einer Tragödie ein Abgrund.

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Eine Spur führt ins Licht – und in die Finsternis
Für Maryam Azadi beginnt nun ein Wettlauf gegen die Zeit. Der Fall, den sie einst nicht lösen konnte, kehrt zurück – größer, widersprüchlicher, gefährlicher. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Hamza Kulina (Edin Hasanovic), der selbst unter Druck steht, taucht sie in ein Netzwerk aus Lügen, gebrochenen Hoffnungen und radikalen Glaubenssätzen ein.

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Die Ermittlungen führen das Duo zu einer Sekte, die behauptet, dass man sich von Sonnenlicht ernähren könne. Kein Essen, kein Besitz, kein Zweifel – nur „Erleuchtung“. Was zunächst esoterisch klingt, entpuppt sich als kontrolliertes System mit klaren Strukturen, strikten Hierarchien und einer nahezu messianischen Führungsfigur.
Ist Anna dorthin geflohen? Wurde sie dorthin gebracht? Oder ist sie bereits längst ein Teil der Sekte?
Ein Fall, der die Ermittler verändert
Azadi kämpft nicht nur mit der Wahrheit – sie kämpft mit sich selbst. Immer wieder verschwimmen die Grenzen zwischen Pflichtgefühl und persönlicher Verantwortung. Die Nähe zu Anna Reiter, die unbarmherzige Härte des Falls und das Wissen, dass jeder Hinweis falsch sein könnte, reißen an ihrem Selbstbild.
Hamza Kulina dagegen muss sich in internen Ermittlungen rechtfertigen. Seine Fehler der Vergangenheit werfen Schatten auf die Gegenwart. Doch ausgerechnet diese Brüche machen ihn zu der Art Ermittler, die dieser Fall braucht – sensibel, hungrig, unruhig.
Beide wissen: Jeder Schritt könnte der falsche sein. Jeder Blick zurück eine Falle.
Zeitsprünge wie Lichtreflexe
„Licht“ ist kein Krimi, der erklärt – er fordert. Regisseur Rick Ostermann arbeitet mit fließenden Übergängen zwischen Gegenwart und Erinnerung. Szenen gleiten ineinander, als wären sie Spiegelungen. Nichts beginnt, nichts endet – alles existiert gleichzeitig. Das Publikum wird nicht geführt, es wird hineingezogen.

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Diese Zeitsprünge sind radikal. Sie sind mutig. Und sie sind das Stilmittel, das den emotionalen Kern dieses Tatorts trägt: Die Vergangenheit ist nicht vorbei, solange sie niemand begraben hat.
Eine Wahrheit, die weh tut
Was macht Hoffnung mit einem Menschen? Wann wird sie zur Kraft, die trägt – und wann zur Last, die zerbricht?
„Licht“ stellt diese Fragen erbarmungslos. Jede Szene ist getrieben von dem Wunsch nach einer Antwort, die es vielleicht gar nicht gibt. Die Ermittler müssen sich entscheiden, ob sie Anna aufhalten – oder sie retten.
Der Titel des Films ist dabei Programm: Licht kann erhellen, aber Licht kann blenden. Und wer zu lange hineinblickt, verliert die Orientierung.
Fazit: Kein einfacher Tatort – aber ein wichtiger
Dieser „Tatort“ ist kein bequemes Sofa-Erlebnis. Er ist emotional, schwer, manchmal schmerzhaft – aber er belohnt jede Minute Aufmerksamkeit. Wer Crime-Unterhaltung ohne Explosionen, aber mit psychologischer Wucht sucht, wird hier fündig.
„Licht“ ist ein Krimi über Verlust, Hoffnung und die Dämonen, die in jeder offenen Frage lauern. Ein Fall, der nach dem Abspann nicht endet. Er bleibt.

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Tatort: Licht
Sonntag, 30. November 2025, 20.15 Uhr im Ersten
Anschließend für mehrere Monate in der ARD-Mediathek abrufbar.
Besetzung
Maryam Azadi – Melika Foroutan
Hamza Kulina – Edin Hasanovic
Anna Reiter – Maren Eggert
Sandra Schatz – Judith Engel
Rechtsmedizinerin Lange – Mieke Schymura
Konrad Spielmann – Alexander Weise
Nova – Dörte Lyssewski
Iva / Freya / Viktoria – Rosa Wirtz
und weitere
Stab
Buch: Senad Halilbašić
Regie: Rick Ostermann
Produktion: Sommerhaus Film im Auftrag des Hessischen Rundfunks
Kamera: Philipp Sichler
Musik: Stefan Will
Drehorte: Frankfurt am Main, Heusenstamm


