Zwei Studien, ein aktiver Vergleich
Die Ergebnisse stammen nicht aus einem Vergleich mit einem Scheinmedikament, sondern mit der etablierten MS-Therapie Teriflunomid. REMODEL-1 und REMODEL-2 waren nahezu identisch angelegte, randomisierte, doppelblinde Phase-III-Studien. Sie liefen an 407 Zentren in 46 Ländern. Eingeschlossen waren 18- bis 55-Jährige mit schubförmiger Multipler Sklerose und aktueller Krankheitsaktivität.
In REMODEL-1 lag die annualisierte Schubrate unter Remibrutinib bei 0,073 und unter Teriflunomid bei 0,112. In REMODEL-2 waren es 0,080 gegenüber 0,116. Daraus ergeben sich relative Verringerungen um rund 35 beziehungsweise 31 Prozent. Beide Unterschiede waren statistisch signifikant. Entscheidend für die Einordnung: Die Zahlen beschreiben durchschnittliche Schubraten innerhalb der Studiengruppen. Sie sagen nicht voraus, wie eine einzelne Patientin oder ein einzelner Patient reagieren wird.
Weniger neue Herde – Langzeitwirkung noch offen
Nach Angaben des Universitätsklinikums Freiburg traten unter Remibrutinib 65 bis 70 Prozent weniger neue oder vergrößerte Entzündungsherde im Gehirn auf als unter Teriflunomid. Während der Studien blieb bei 50 Prozent der Remibrutinib-Gruppe keine messbare Krankheitsaktivität zurück; in der Vergleichsgruppe waren es 32 Prozent. In diese kombinierte Kennzahl flossen Schübe, bestätigte Zunahmen körperlicher Einschränkungen und neue MRT-Herde ein.
Bei 7,7 Prozent der mit Remibrutinib behandelten Teilnehmenden nahm die Behinderung über mindestens sechs Monate bestätigt zu, verglichen mit 10,5 Prozent unter Teriflunomid. Das ist ein Hinweis, aber noch kein abschließender Beleg für einen dauerhaften Vorteil. Die laufende Verlängerungsphase soll deshalb bis zu fünf Jahre Behandlung abbilden. Erst längere Beobachtungszeiten können zeigen, wie stabil der mögliche Effekt ist.
Sicherheitsdaten mit wichtiger Einschränkung
Behandlungsabbrüche wegen unerwünschter Ereignisse waren mit Remibrutinib seltener als mit Teriflunomid: 3,1 gegenüber 5,8 Prozent. Ein schweres medikamentenbedingtes Lebersicherheitssignal wurde nicht beobachtet. Das ist für die Wirkstoffklasse der BTK-Hemmer relevant, weil bei anderen Kandidaten Leberprobleme aufgetreten waren. Häufige Beschwerden wie Infektionen der oberen Atemwege, Nasen-Rachen-Entzündungen und Durchfall kamen in beiden Gruppen vor.
Auch positive Sicherheitsdaten aus Phase III ersetzen keine Langzeitbeobachtung. Seltene Nebenwirkungen können bei breiter Anwendung sichtbar werden. Zudem finanzierte Hersteller Novartis beide Studien; mehrere Autorinnen und Autoren sind beim Unternehmen beschäftigt oder meldeten finanzielle Beziehungen zu Pharmafirmen. Die randomisierte und verblindete Anlage stärkt die Aussagekraft, mögliche Interessenkonflikte müssen bei der Bewertung dennoch transparent bleiben.
Noch keine zugelassene MS-Therapie
Remibrutinib ist ein oral einzunehmender BTK-Hemmer, der bestimmte an Entzündungsprozessen beteiligte Immunzellen beeinflusst und in das zentrale Nervensystem gelangt. Für Multiple Sklerose ist der Wirkstoff bislang nicht zugelassen. Novartis will auf Basis der Studienergebnisse einen Zulassungsantrag stellen. Welche Patientengruppen gegebenenfalls infrage kommen und welche Kontrollen erforderlich wären, entscheiden erst die zuständigen Behörden nach Prüfung des vollständigen Datensatzes.
Für Betroffene ergibt sich aus der Veröffentlichung deshalb keine Empfehlung, eine laufende Behandlung zu verändern. Die Studie zeigt einen statistisch belegten Vorteil gegenüber Teriflunomid bei Schüben; ob daraus langfristig weniger bleibende Einschränkungen entstehen, bleibt die zentrale offene Frage.





