103 Genome und 44 Fossilien ergeben einen neuen Stammbaum
Fledermäuse entstanden nach den neuen Berechnungen im späten Paläozän in Europa – also kurz nach dem Aussterben der Nicht-Vogel-Dinosaurier. Das internationale Bat1K-Konsortium stützt diese Einordnung auf 103 Referenzgenome aus allen 21 heute anerkannten Fledermausfamilien und auf Daten von 44 fossilen Arten.
Die Forschenden rekonstruierten nicht nur Verwandtschaftslinien. Ihr Modell berücksichtigte auch Kontinentalverschiebungen, Entfernungen und die große Ausbreitungsfähigkeit fliegender Tiere. Für den gemeinsamen Vorfahren weist die Analyse Europa mit einer posterioren Wahrscheinlichkeit von 99,2 Prozent als Ursprungsregion aus.
Das ist eine starke statistische Stützung, aber kein direkter Fund einer 65 Millionen Jahre alten Fledermaus. Die ältesten bekannten Fossilien sind etwa 56 bis 52 Millionen Jahre alt und stammen aus mehreren Erdteilen. Gerade diese Lücke hatte frühere Studien zu unterschiedlichen Ursprungsorten in Asien, Afrika oder Nordamerika geführt.
Was das Team der Universität Ulm beigetragen hat
An der Universität Ulm sequenzierten Magdalena Meyer und Dominik Melville unter Leitung von Simone Sommer die Genome von vier Rundblattnasen-Arten. Die Proben hatte Bismark Opoku in Fledermaushöhlen in Ghana gesammelt. Insgesamt entstanden für die Studie 42 neue Referenzgenome von 41 Arten; zusammen mit bereits verfügbaren Datensätzen deckt die Sammlung erstmals alle Fledermausfamilien ab.
Der neue Stammbaum spricht außerdem dafür, dass aktiver Flug und Kehlkopf-Echoortung sehr früh in der Fledermaus-Evolution vorhanden waren. Grundlage dafür ist unter anderem die neue Position des Fossils Vielasia im Stammbaum. Die Forschenden formulieren dies als evolutionäre Rekonstruktion, nicht als endgültigen Nachweis jedes einzelnen Entwicklungsschritts.
Was aus der Studie nicht folgt
Die Arbeit erklärt weder unmittelbar die Krankheitsresistenz vieler Fledermäuse noch liefert sie eine medizinische Anwendung. Sie schafft vielmehr einen besser aufgelösten Bezugsrahmen, an dem künftige Genanalysen zu Alterung, Immunität und Anpassung ausgerichtet werden können.
Drei der vier in Ulm untersuchten Arten sind als Wirte von Coronaviren bekannt. Daraus leitet die Studie jedoch kein neues Gesundheitsrisiko ab. Ihr Thema ist die Evolution der Fledermäuse; Aussagen über Übertragungen auf Menschen wurden nicht untersucht.
Die Originalstudie in Nature stellt die Genomdaten, Analyseskripte und weitere Methodendokumente öffentlich zur Verfügung.





