Seit zehn Jahren untersucht das Institut für Experimentelle Kardiovaskuläre Medizin (IEKM) am Universitätsklinikum Freiburg, wie das Herz vom einzelnen Molekül bis zum gesamten Organ funktioniert. Zum Jubiläum zieht das Institut eine umfangreiche Bilanz: Mehr als 365 wissenschaftliche Arbeiten sind entstanden, über 30.000 Gewebeproben wurden für die Herz-Kreislauf-Forschung gesammelt und rund 22,5 Millionen Euro an kompetitiver Forschungsförderung eingeworben.
Der Zeitpunkt der Bilanz ist nicht zufällig. Am 5. und 6. Oktober 2026 richtet das IEKM in Freiburg die internationale Tagung „Cardiac Autoregulation 2026“ aus. Im Mittelpunkt steht eine grundlegende Frage der Herzmedizin: Wie entsteht aus sehr unterschiedlichen Vorgängen in einzelnen Zellen und Gewebebereichen die nach außen erstaunlich gleichmäßige Leistung des Herzens?
Freiburger Forschung verbindet Medizin, Biologie und Technik
Das IEKM ist eine der strukturellen Säulen des Universitäts-Herzzentrums Freiburg · Bad Krozingen. Anders als viele Forschungseinrichtungen ist es nicht primär nach einzelnen Erkrankungen gegliedert. Stattdessen arbeiten Fachleute aus Medizin, Biologie, Technik und theoretischen Disziplinen mit unterschiedlichen Methoden zusammen. Sie untersuchen Herzzellen, entwickeln Instrumente, machen Strukturen sichtbar und bilden biologische Vorgänge in Computermodellen ab.
Diese Struktur soll Grundlagenforschung und klinische Anwendung enger miteinander verbinden. Nach Angaben des Universitätsklinikums wird am IEKM unter anderem untersucht, wie elektrische Impulse gezielter zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen eingesetzt werden könnten. Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit einem neuartigen Herzkatheter, der gefährliche Rhythmusstörungen beim Wiederöffnen eines verschlossenen Herzkranzgefäßes verhindern soll.
Die Bilanz zeigt auch die internationale Ausrichtung des Standorts: Menschen aus 33 Ländern haben in den vergangenen zehn Jahren am Institut gearbeitet oder studiert. Zusätzlich wurde der einjährige Masterstudiengang „Medical Sciences – Cardiovascular Research“ als Vorbereitung auf eine Promotion in der kardiovaskulären Forschung eingerichtet.
5,7 Millionen Euro für neue Forschung zum Herzgewebe
Wie die Freiburger Herzforschung weiter ausgebaut wird, zeigt die neue Forschungsgruppe FOR6051 „Das Interstitium – ein Schlüssel der Herzfunktion“. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Vorhaben ab 2026 für vier Jahre mit 5,7 Millionen Euro. Sprecher der Gruppe ist IEKM-Direktor Prof. Peter Kohl.
Untersucht wird das Gewebe zwischen den Herzmuskelzellen. Die Forschungsgruppe will klären, wie dieses sogenannte Interstitium Herzmuskelzellen, Blutgefäße und Nervensystem miteinander verbindet und dadurch die elektrische und mechanische Aktivität des Herzens mitprägt. Die beteiligten Forschenden erwarten daraus neue Erkenntnisse darüber, wie sich Herzfunktion erhalten lässt – beispielsweise nach einem Herzinfarkt.
Wichtig ist dabei die wissenschaftliche Einordnung: Es handelt sich um Grundlagen- und translationale Forschung. Aus den Projekten folgt derzeit keine neue Therapieempfehlung für Patientinnen und Patienten. Ziel ist zunächst, Mechanismen besser zu verstehen und daraus mögliche Ansätze für die zukünftige Herzmedizin zu entwickeln.
Neue Mikroskopie macht Vorgänge im Herzen genauer sichtbar
Zur Forschungsinfrastruktur gehört auch die Mikroskopie-Einrichtung SCI-MED. Dort stehen moderne Fluoreszenzmikroskope sowie eine leistungsfähige Bildanalyse zur Verfügung. Die Technik wurde unter anderem mit Unterstützung der DFG und des Landes Baden-Württemberg aufgebaut. Damit können Forschende Strukturen und Prozesse des Herz-Kreislauf-Systems mit hoher räumlicher Auflösung untersuchen.
Computermodelle ergänzen diese experimentelle Arbeit. Am IEKM werden anatomische sowie elektrische und mechanische Prozesse des Herzens numerisch beschrieben – von Vorgängen an einzelnen Ionenkanälen bis hin zur Simulation eines EKG. Die Kombination verschiedener Maßstäbe ist ein wesentlicher Bestandteil des Freiburger Forschungsansatzes.
Internationale Herzforscher treffen sich jetzt in Freiburg
Zum zehnjährigen Bestehen wird Freiburg am 5. und 6. Oktober zum Treffpunkt internationaler Herzforscherinnen und Herzforscher. Die Tagung „Cardiac Autoregulation 2026“ findet in der Aula der Universität Freiburg statt. Das Programm reicht von Vorgängen auf Nanoebene bis zu Mechanismen im gesamten Organ.
Nach Angaben des IEKM sind fünf Plenarvorträge international etablierter Forschender sowie 21 eingeladene Fachvorträge vorgesehen. Zu den angekündigten Gästen gehören Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter anderem von der Johns Hopkins University, der Harvard University und der University of California San Diego. Auch Forschende aus Freiburg und vom Karlsruher Institut für Technologie sind beteiligt.
Die Jubiläumsveranstaltung des IEKM beginnt am 5. Oktober um 16 Uhr. Für den Forschungsstandort Baden-Württemberg markiert das Jubiläum damit nicht nur einen Rückblick: Die neue DFG-Forschungsgruppe, die technische Infrastruktur und die internationale Tagung zeigen, dass die Freiburger Herzforschung weiter ausgebaut wird.




