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Gründungen in Baden-Württemberg

Mehr Gründungen, weniger Hightech: Baden-Württemberg verliert bei innovativen Start-ups an Dynamik

In Baden-Württemberg entstehen wieder deutlich mehr Betriebe. Gleichzeitig sinken Hightech-Anteil, Forschungsausgaben und Marktneuheiten junger Unternehmen – ein genauer Blick zeigt ein strukturelles Problem.

Gebäude der L-Bank am Schlossplatz in Karlsruhe
Symbolbild: Gebäude der L-Bank am Schlossplatz 10 in Karlsruhe.
Foto: L-Bank

Auf den ersten Blick entwickelt sich das Gründungsgeschehen in Baden-Württemberg positiv: 2025 wurden so viele Gewerbebetriebe neu gegründet wie seit 2011 nicht mehr, und auch im ersten Halbjahr 2026 setzte sich das Plus fort. Gleichzeitig zeigt eine neue Auswertung von L-Bank und ZEW jedoch eine zweite, deutlich kritischere Entwicklung: Der Anteil technologieintensiver junger Unternehmen sinkt, Forschungsausgaben gehen zurück und Marktneuheiten werden seltener.

Damit entsteht ein widersprüchliches Bild. Baden-Württemberg gewinnt bei der Zahl der Gründungen an Dynamik, verliert aber gerade in den Bereichen an Kraft, die für Innovation, Produktivität und langfristige Wettbewerbsfähigkeit besonders wichtig sind.

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Hightech-Anteil sinkt zum zweiten Mal in Folge

Nach dem aktuellen L-Bank-IAB-/ZEW-Gründungspanel zählten 2024 rund 7,1 Prozent der betrachteten jungen Unternehmen in Baden-Württemberg zu technologieintensiven Dienstleistungen oder zum forschungsintensiven verarbeitenden Gewerbe. Damit liegt das Land zwar noch knapp über dem Bundesdurchschnitt von 7,0 Prozent, die Richtung ist jedoch eindeutig: 2023 waren es 7,4 Prozent, 2022 noch 8,0 Prozent.

Der Rückgang betrifft nicht nur die Branchenstruktur. Junge Unternehmen im Land investierten 2024 im Durchschnitt 3,4 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Im Vorjahr waren es noch 5,3 Prozent. Bundesweit lag die Quote 2024 bei 3,1 Prozent.

Noch deutlicher ist der Einbruch bei echten Marktneuheiten. Der Anteil junger Unternehmen, die mindestens eine nationale oder weltweite Marktneuheit vorweisen konnten, sank laut L-Bank von 6,2 Prozent auf 1,5 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Unternehmen mit einer Produktinnovation leicht von 26,9 auf 28 Prozent. Das bedeutet: Es werden weiterhin Produkte weiterentwickelt oder neu eingeführt, wirklich neue Angebote für den Markt sind aber deutlich seltener geworden.

Gleichzeitig steigen die Gründungszahlen insgesamt kräftig

Dass Baden-Württemberg insgesamt weniger gründungsaktiv wäre, lässt sich aus den amtlichen Zahlen nicht ableiten. Das Statistische Landesamt meldete für 2025 rund 85.800 neu gegründete Gewerbebetriebe. Das waren 11,7 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit 2011. Auch die Betriebsgründungen mit voraussichtlich größerer wirtschaftlicher Substanz legten um 12,6 Prozent auf rund 15.000 zu.

Im ersten Halbjahr 2026 setzte sich diese Entwicklung fort. Rund 46.900 Gewerbebetriebe wurden neu gegründet, ein Plus von 9,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Zahl der wirtschaftlich bedeutenderen Betriebsgründungen stieg um 6,6 Prozent auf rund 8.100.

Allerdings nahm gleichzeitig auch die Zahl der vollständigen Gewerbeaufgaben zu: Im ersten Halbjahr 2026 wurden rund 32.200 vollständige Aufgaben registriert, 5,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Warum sich die Zahlen nicht widersprechen

Die beiden Datensätze messen unterschiedliche Dinge. Die Gewerbeanzeigenstatistik erfasst das gesamte Spektrum neuer Gewerbebetriebe – vom Nebenerwerb und Kleingewerbe bis zu Betriebsgründungen mit größerer wirtschaftlicher Substanz. Das IAB-/ZEW-Gründungspanel untersucht dagegen junge Unternehmen detaillierter und betrachtet unter anderem Branchenstruktur, Innovation, Forschung, Beschäftigung und Investitionen.

Gerade deshalb ist die Kombination der Daten aufschlussreich: Es entstehen wieder mehr Betriebe, doch der Anteil von Gründungen in forschungs- und technologieintensiven Bereichen wächst nicht im gleichen Maß mit. Das Problem liegt damit weniger in der reinen Zahl der Neugründungen als in ihrer Struktur und Innovationskraft.

Dienstleistungen dominieren – Exporte werden seltener

Mehr als drei Viertel der jungen Unternehmen im Land, 78,2 Prozent, gehören inzwischen zum nicht-technologieintensiven Dienstleistungssektor. Rückläufig waren dagegen Gründungen im nicht-forschungsintensiven verarbeitenden Gewerbe und im Baugewerbe.

Auch die internationale Ausrichtung hat nachgelassen. 10,6 Prozent der jungen Unternehmen erzielten 2024 Umsätze im Ausland. Im Vorjahr waren es noch 14,4 Prozent. Nach Angaben der L-Bank gingen außerdem die durchschnittlichen Umsätze und Gewinne der jungen Unternehmen zurück.

Der bundesweite Blick des ZEW passt zu diesem Muster. Für Deutschland insgesamt registrierte das IAB-/ZEW-Gründungspanel zwar rund 157.000 Unternehmensgründungen im Jahr 2024 und damit ein Plus von drei Prozent gegenüber 2023. Das ZEW weist zugleich darauf hin, dass industrielle und innovative Branchen weiter an Dynamik verlieren, während der Dienstleistungssektor wächst.

Auch die Motive für die Selbstständigkeit verändern sich

Ein weiteres Signal liefert die Frage, warum Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit gehen. 31,5 Prozent der in Baden-Württemberg Befragten nannten Arbeitslosigkeit, fehlende passende Beschäftigungsmöglichkeiten oder bessere Verdienstchancen als wichtigstes Motiv. Im Vorjahr waren es 24,1 Prozent.

Gleichzeitig nannten weniger Gründerinnen und Gründer eine konkrete Geschäftsidee oder den Wunsch nach selbstbestimmter Arbeit als Hauptgrund. Das kann darauf hindeuten, dass ein wachsender Teil der Gründungen stärker durch die Arbeitsmarkt- und Konjunkturlage geprägt wird.

Was das für Baden-Württemberg bedeutet

Für einen Industriestandort wie Baden-Württemberg ist die Entwicklung besonders relevant. Neue technologieorientierte Unternehmen gelten als wichtiger Kanal, über den Forschungsergebnisse, neue Produktionsverfahren und digitale Geschäftsmodelle in den Markt gelangen. Sie können außerdem neue Arbeitsplätze schaffen und etablierte Unternehmen mit neuen Technologien versorgen.

Das Land versucht deshalb, Gründungen und Wachstumsfinanzierung mit Programmen wie Start-up BW, Pre-Seed-Finanzierungen und der neuen Risikokapitalgesellschaft BW-Capital zu stärken. Beim jüngsten Start-up BW Family Day in Stuttgart standen unter anderem privates Kapital, Wachstumsfinanzierung und die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Mittelstand im Mittelpunkt.

Die aktuellen Zahlen zeigen allerdings, dass die Herausforderung über die reine Zahl neuer Unternehmen hinausgeht. Entscheidend wird sein, ob aus der wachsenden Gründungsaktivität wieder mehr Unternehmen mit hoher Forschungsintensität, eigenen Marktneuheiten und internationalem Wachstum entstehen.

Wie belastbar ist das Gründungspanel?

Das IAB-/ZEW-Gründungspanel wird seit Jahren gemeinsam vom ZEW Mannheim und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geführt. Im Auftrag der L-Bank wurde die Stichprobe für Baden-Württemberg erweitert, damit junge Unternehmen im Land gesondert und repräsentativ ausgewertet werden können. Für die aktuelle Auswertung wurden bundesweit rund 5.000 junge Unternehmen befragt, darunter mehr als 800 aus Baden-Württemberg. Betrachtet werden Unternehmen aus den Gründungsjahrgängen 2021 bis 2024.

Damit liefern die Ergebnisse keine bloße Momentaufnahme einzelner Start-ups, sondern ermöglichen einen Vergleich über mehrere Jahre. Gerade der gleichzeitige Rückgang bei Hightech-Anteil, Forschungsausgaben, Marktneuheiten und Exportorientierung macht die Entwicklung deshalb wirtschaftspolitisch relevant.

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