Ein Rekord für die Geschichtsbücher

Der ewige Kretschmann: Wie der grüne Visionär dienstältester Ministerpräsident im CDU-Stammland Baden-Württemberg wurde

Politik, Ministerpräsidentenkonferenz 2024 Leipzig: Winfried Kretschmann (B907Grüne, Ministerpräsident Baden-Württemberg); Porträt, Einzelbild

Foto: Foto: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=154393677

58 Jahre lang galt der Südwesten als uneinnehmbare Festung der CDU. Heute fällt ein weiterer Rekord: Winfried Kretschmann (77) überholt mit 5.204 Tagen im Amt das CDU-Urgestein Erwin Teufel und wird damit der dienstälteste Ministerpräsident in der Geschichte des Landes. Für die CDU ist es nicht nur eine historische Zäsur, sondern auch ein Symbol für den anhaltenden Erfolg eines politischen Gegners, den viele 2011 noch unterschätzt hatten.

Dass ein Grüner dieses konservative Kernland länger führt als jeder CDU-Regierungschef zuvor, ist eine politische Sensation. Kretschmanns Erfolgsgeheimnis: Prinzipientreue, pragmatisches Handeln – und eine Persönlichkeit, die weit über Parteigrenzen hinweg Vertrauen genießt.

Winfried Kretschmann (2010)
Winfried Kretschmann (2010)
Foto: Von GRÜNE Baden-Württemberg – originally posted to Flickr as Winfried Kretschmann spricht, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10869130

2011 – Der Wendepunkt, der alles veränderte

Der Weg ins Staatsministerium war für Kretschmann keineswegs vorgezeichnet. Den entscheidenden Bruch brachte das Jahr 2011 – ein Jahr, das die politische Landkarte im Südwesten neu zeichnete.

Stuttgart 21 und der „Schwarze Donnerstag“

Monatelang brodelte es im Land: Die Proteste gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 hatten die Stimmung aufgeheizt. Am 30. September 2010 kam es zum „Schwarzen Donnerstag“, als ein Polizeieinsatz gegen Demonstranten eskalierte. Die Bilder von Wasserwerfern, verletzten Schülern und Senioren gingen bundesweit durch die Medien. Das Vertrauen in die CDU-Regierung unter Stefan Mappus bekam tiefe Risse.

Fukushima als Wahl-Katalysator

Nur 16 Tage vor der Landtagswahl am 27. März 2011 erschütterte die Nuklearkatastrophe von Fukushima die Welt. Die CDU, die kurz zuvor noch für eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke gestimmt hatte, vollzog eine Kehrtwende. Doch viele Wähler sahen darin puren Wahlkampf. Die Grünen hingegen konnten auf ihre konsequente Anti-Atomkraft-Haltung verweisen.

Das Ergebnis war historisch:

  • Grüne: 24,2 % (+12,5 Punkte)
  • CDU: 39,0 % (Minusrekord)
  • SPD: 23,1 %
  • FDP: 5,3 %

Gemeinsam mit der SPD bildeten die Grünen eine knappe Mehrheit. Am 12. Mai 2011 wurde Kretschmann mit 73 Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt – zwei mehr, als die Koalition Sitze hatte.

Die Wurzeln eines Pragmatikers

Wer Kretschmanns Politik verstehen will, muss seinen Lebensweg kennen. Geboren 1948 in Spaichingen als Kind katholischer Flüchtlinge aus Ostpreußen, wuchs er auf der Schwäbischen Alb auf. Heimatverbundenheit, liberaler Katholizismus und die Fluchterfahrung der Familie machten ihn immun gegen starre Ideologien.

Nach strengen Internatsjahren studierte er in Hohenheim und Tübingen. In den 1970er-Jahren schloss er sich maoistischen K-Gruppen an – ein „fundamentaler Irrtum“, wie er später sagte. Den Ausstieg verdankte er seiner Frau Gerlinde und der Philosophie Hannah Arendts, deren Satz „Der Sinn von Politik ist Freiheit“ ihn bis heute begleitet.

Über 30 Jahre lang unterrichtete Kretschmann Biologie, Chemie und Ethik. Seine ruhige, erklärende Art wurde zu seinem Markenzeichen – und prägt bis heute seine „Politik des Gehörtwerdens“.

Die Methode Kretschmann – vom Außenseiter zum Landesvater

Kretschmanns Erfolg basiert auf einer Methode, die er über Jahre perfektionierte. Er schuf eine neue politische Identität: den „konservativen Grünen“. Damit gelang es ihm, weit über das grüne Kernmilieu hinaus in die bürgerliche Mitte und ins konservative Lager hinein Zuspruch zu finden.

  1. Wertgebundener Pragmatismus: Anstatt reiner Ideologie folgt Kretschmann einem klaren Wertegerüst, das er offen kommuniziert. Dies erlaubt ihm, flexibel zu handeln, ohne als Opportunist zu gelten. Er lehnt einfache Etiketten wie „links“ ab und stellt die funktionierende Lösung über die Parteidoktrin.
  2. Die Aneignung der Mitte: Er adaptierte das erfolgreiche CDU-Modell des stabilen, väterlichen und regional verwurzelten Regierungschefs und füllte es mit grünen Inhalten. Sein Bekenntnis zu „Heimat“, sein Gebrauch des schwäbischen Dialekts und seine wirtschaftsfreundliche Politik, die die Interessen der mächtigen Automobilindustrie berücksichtigt, machten ihn für konservative Wähler attraktiv.
  3. Authentizität als politisches Kapital: In einer medienoptimierten Welt wurde Kretschmanns wahrgenommener Mangel an Schliff zu seiner größten Stärke. Seine langsame Sprechweise und seine manchmal umständlichen Erklärungen werden von der Wählerschaft als Zeichen von Echtheit, Nachdenklichkeit und Verlässlichkeit interpretiert. Ob die Empfehlung, statt zu duschen auch mal zum Waschlappen zu greifen – „Der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung“ – oder der legendäre Ausruf in der Corona-Krise, „Mir brennt der Kittel und zwar volle Kanne“: Die Menschen, so Analysten, hätten „feine Antennen dafür, ob etwas gespielt, gekünstelt ist oder wirklich dem Menschen entspringt“.

Regierungsphasen – Aufbruch und Stabilität

2011–2016: Grün-Rot und der Reformeifer

Mit der SPD startete Kretschmann Bildungsreformen wie die Einführung der Gemeinschaftsschulen. Es gab Fortschritte bei erneuerbaren Energien, aber auch Rückschläge – etwa die Niederlage bei der Volksabstimmung zu Stuttgart 21. Trotzdem wuchs sein Ansehen, weil er als ruhiger, sachlicher Regierungschef auftrat.

Ministerpräsident Kretschmann inmitten des grün-roten Kabinetts (2011)
Foto: GRÜNE Baden-Württemberg – Flickr: IMG_3657, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15845345

Ab 2016: Grün-Schwarz und die Stabilitätspolitik

Die Koalition mit der CDU war bundesweit einzigartig. Sie setzte auf Wirtschaftsförderung, Digitalisierung und einen Ausgleich zwischen Industrieinteressen und Klimazielen. Doch beim Ausbau der Windkraft blieb Baden-Württemberg deutlich hinter den eigenen Zielen zurück.

Krisenjahre – Dauerbelastung im Staatsministerium

Ab 2020 wurde Kretschmanns Regierung vom Krisenmodus geprägt:

  • Corona-Pandemie: Strenge Regeln, klare Kommunikation – aber auch Streit über Schulschließungen und Impfpflicht.
  • Ukraine-Krieg: Unterstützung von Sanktionen, Beschleunigung der Energiewende.
  • Energie- und Wirtschaftskrise: Hilfspakete für Industrie und Mittelstand, Investitionen in Zukunftstechnologien.

Trotz dieser Herausforderungen gelang es ihm, als Stabilitätsanker wahrgenommen zu werden.

Nachfolge und Wahl 2026 – Machtwechsel in Sicht?

Sein angekündigter Abschied wirft die Frage auf: Wer folgt? Innerhalb der Grünen gilt Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir als Favorit. Doch CDU-Landeschef Manuel Hagel liegt in Umfragen vorne. Sein Satz „Das politische Erbe von Winfried Kretschmann wird bei uns in guten Händen sein“ ist zugleich Anerkennung und Kampfansage.

Vermächtnis – zwischen Licht und Schatten

Kretschmann hat bewiesen, dass Grüne im konservativen Süden nicht nur regieren, sondern Rekorde brechen können. Doch gerade beim Klimaschutz blieb er hinter den Erwartungen zurück. Die Windkraft-Ziele wurden verfehlt, die Deutsche Umwelthilfe klagte. Kritiker sehen in seinem Spruch „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ eine Ausrede für Zögern – Anhänger halten ihm zugute, dass er das Land nicht spalten wollte.

Der Rekord und die offene Zukunft

Seinen Rekord kommentiert Kretschmann gewohnt trocken: Er arbeite nicht, um eine „Fußnote in den Geschichtsbüchern“ zu werden – bis diese geschrieben seien, sei er „verfault in der Erde“.

Ob dieser Rekord als Krönung einer Ära oder als Schlusspunkt vor einem CDU-Comeback in die Geschichte eingeht, entscheidet sich bei der Landtagswahl 2026. Sicher ist nur: Kretschmann hat die politischen Koordinaten Baden-Württembergs verschoben – und gezeigt, dass selbst im konservativsten Bundesland Deutschlands ein Grüner nicht nur bestehen, sondern dominieren kann.