Ein Thriller, der Venedig dunkler zeigt als je zuvor

„Spurlos in Venedig“ heute im Ersten: Mafia, Kindesentführung und ein Mann ohne Vergangenheit – lohnt sich das Einschalten?

Foto: © ARD Degeto Film/Lailaps Films/Alfio Sambataro

Venedig – normalerweise ein Sehnsuchtsort, eine Bühne für Liebeserklärungen, Gondelfahrten und Instagram-Tauglichkeit. Doch heute Nacht hat die Lagunenstadt kein Lächeln übrig. Der ARD-Thriller „Spurlos in Venedig“ zeigt die weltberühmte Metropole von ihrer unbarmherzigsten Seite: eng, lautlos, tödlich. Nichts glänzt, nichts glitzert. Stattdessen lauert Gewalt in jedem Schatten. Und mittendrin ein Mann, der vergessen wollte, wer er einmal war – bis er gezwungen wird, sich zu erinnern.

Am Samstag, 6. Dezember 2025, um 20.15 Uhr gerät der Zuschauer in einen Strudel aus Mafia-Rache, Kindesentführung und einer Vergangenheit, die wie ein Sprengsatz detoniert. Der Film ist der dritte Teil der erfolgreichen „Spurlos“-Reihe – und er macht etwas, das im deutschen TV selten gelingt: Er lässt kaum Luft zum Atmen.

Hoffnung auf ein neues Leben – und ein Fehler, der alles zerstört

Im venezianischen Viertel Castello lebt ein Mann, den alle nur „Angelo“ nennen. Er spült Teller, redet wenig, existiert mehr, als dass er lebt. Niemand ahnt, dass dieser Angelo in Wahrheit Gabriel Wendt heißt – ein ehemaliger deutscher Elitesoldat, ausgezeichnet, geschult, traumatisiert. Er versucht, in dieser Stadt unsichtbar zu sein, ein Geist, der vergessen will, dass seine Hände einmal Waffen waren.

Tommaso (Diego Pagotto, l.) bedroht Sofia (Lisa Lendaro, r.) mit der Waffe.
© ARD Degeto Film/Lailaps Films/Alfio Sambataro,

Doch unsichtbar bleibt nur, wer niemals eingreift.

Als Angelo Zeuge wird, wie Sofia – seine Nachbarin – und ihr kleiner Sohn Luca von brutalen Schlägern bedroht werden, entscheidet er in der Sekunde, in der sein altes Ich zurückkehrt: Er kämpft. Er tötet. Und er ahnt nicht, wen.

Der tote Mann heißt Paolo – Ziehsohn der Mafia-Patin Gaia Contarini. Und Gaia ist kein Gegner, sondern eine Naturgewalt. Wer ihr etwas nimmt, zahlt mit Blut.

Die Entführung, die alles verändert

Kaum begreifen die Zuschauer, wie tief Angelo gefallen ist, schlägt der Film zu. Gaia entführt den kleinen Luca – nicht aus Hass, sondern aus Prinzip. Sie will Angelo nicht bestrafen. Sie will ihn vernichten. Und sie weiß genau, wie: indem sie ihm nimmt, was er zu schützen versucht.

Gaia Contarini (Jeanette Hain, li.) möchte das Vertrauen von Luca (Ettore Rosetto) gewinnen.
© ARD Degeto Film/Lailaps Films/Alfio Sambataro

Von hier an gibt es kein Zurück mehr. Angelo, der fliehen wollte, greift an. Er enttarnt infiltrierte Netzwerke, korrupte Mittelsmänner, rivalisierende Gangs und eine Mafia-Struktur, die weiter reicht als die Kanäle Venedigs. Die Stadt wird zum Labyrinth, jeder Schritt zum Risiko, jeder Blick zur Falle.

Ein Thriller über Schuld, Identität und den Preis der Vergangenheit

Regisseurin Claudia Garde inszeniert Venedig nicht als Bühne, sondern als Gegner. Die engen Gassen werden zu Schlingen, die Brücken zu Fluchtpunkten, das Wasser zu etwas, das Geheimnisse verschluckt.

Und sie tut etwas Entscheidendes: Sie gibt beiden Hauptfiguren Verwundbarkeit.

  • Max Riemelt spielt Angelo/Gabriel nicht als Superheld, sondern als Mann, der jeden Schlag spürt, jede Entscheidung bereut, aber trotzdem kämpft, weil niemand sonst es tut.
  • Jeanette Hain macht aus Gaia Contarini keine böse Karikatur, sondern eine Frau, deren Macht aus Verlust geboren wurde. Ihre Gewalt ist kontrolliert, ihre Liebe zerstörerisch – und genau das macht sie unberechenbar.

So stark ist das Ensemble – eingebettet in den Fluss

Neben Riemelt und Hain tragen Lisa Lendaro als verzweifelte Mutter Sofia und Ettore Rossetto als entführter Luca die emotionale Wucht der Geschichte. Claudio Caiolo als zwielichtiger Zennaro, Andrea Volpetti als in kriminelle Verstrickungen geratener Nico, Max Malatesta, Diego Pagotto, Diego Riace und Federico Mainardi bilden das Mafia-Fundament, das den Film atmen lässt. Ergänzt wird das Ensemble durch Steve Thiede, Alessandro Apostoli, Charlotte Unterweger und Diao Franco Lamine, die in kleineren Rollen wichtige narrative Fäden halten – ohne dass der Film je die Übersicht verliert.

Contarini (Jeanette Hain, re.) erreicht mit Luca (Ettore Rosetto, Mitte) den Bootssteg.
© ARD Degeto Film/Lailaps Films/Alfio Sambataro

Die Kamera von Andreas Köhler macht die Stadt zu einer Bedrohung, der Score von Susan Dibona und Salvatore Sangiovanni unterlegt das Knistern, das in jeder Szene mitschwingt, und Florian Iwersens Drehbuch zieht die Schraube so langsam an, dass man erst merkt, dass man keine Luft bekommt, wenn es zu spät ist.

FAZIT

„Spurlos in Venedig“ ist kein Film, den man nebenbei schaut.
Er ist ein Thriller, der Emotionen nutzt wie Waffen – präzise, gefährlich, unausweichlich. Wer Venedig romantisch mag, wird hier erschüttert. Wer Thriller liebt, findet eine Härte, die selten ist.

Kurz gesagt:
Ja. Einschalten lohnt sich. Und zwar richtig.

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