Der Preis der Deutschen Hochschulmedizin 2026 rückt eine Studie in den Blick, an der auch die Sektion Neuroonkologie des Universitätsklinikums Tübingen und das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung beteiligt sind. Ausgezeichnet wird nicht eine bereits etablierte neue Therapie, sondern ein früher klinischer Forschungsansatz. Diese Unterscheidung ist wichtig: Die bislang veröffentlichten Ergebnisse sind ermutigend, reichen für einen Vergleich mit der Standardbehandlung aber noch nicht aus.
Warum die GLORIA-Studie zwei Signalwege blockiert
Glioblastome sind besonders aggressive Hirntumoren. Nach einer Bestrahlung kann der Tumor seine Blutversorgung über verschiedene biologische Wege wieder aufbauen. Das GLORIA-Team setzte deshalb an zwei Signalwegen an: Der Wirkstoff Olaptesed Pegol, auch NOX-A12 genannt, hemmt den Botenstoff CXCL12. Zusätzlich erhielten die Patienten Bevacizumab, das den Wachstumsfaktor VEGF blockiert. Beides wurde mit einer Strahlentherapie kombiniert.
Untersucht wurde dieser Ansatz bei Erwachsenen mit neu diagnostiziertem, nicht vollständig entferntem Glioblastom und einem unmethylierten MGMT-Promotor. Dieses molekulare Merkmal ist mit einem geringeren Nutzen der üblichen Chemotherapie Temozolomid verbunden. Die Studie richtete sich damit an eine klar eingegrenzte Patientengruppe mit besonders schwieriger Ausgangslage.
Was die Zahlen zeigen – und was nicht
In der Erweiterungsgruppe der multizentrischen Phase-I/II-Studie erhielten sechs Patienten die Dreifachkombination. Die Behandlung wurde nach Angaben der Forschenden insgesamt vertragen. Das mediane progressionsfreie Überleben lag bei 9,1 Monaten, das mediane Gesamtüberleben bei 19,9 Monaten. Zwei Patienten lebten länger als zwei Jahre.
Diese Werte sind jedoch kein Beweis dafür, dass die Kombination der bisherigen Standardtherapie überlegen ist. Die Gruppe war sehr klein, nicht randomisiert und hatte keinen zeitgleich zugeteilten Kontrollarm. Ein Vergleich mit zehn zuvor behandelten Teilnehmern der Studie erfolgte explorativ und nachträglich. Auch Vergleiche mit internen oder externen Kontrollgruppen können unbekannte Unterschiede zwischen den Gruppen nicht zuverlässig ausschließen.
Die Fachpublikation beschreibt die Ergebnisse deshalb als frühen Wirksamkeitshinweis und biologischen Machbarkeitsnachweis. Primäres Ziel der Phase-I/II-Studie war vor allem die Sicherheit. Für belastbare Aussagen zu Nutzen und Risiken braucht es deutlich mehr Patienten sowie eine zufällige Zuteilung zu Behandlungsgruppen.
Warum Tübingen an dem Projekt beteiligt ist
Die GLORIA-Studie verbindet sechs universitätsmedizinische Standorte: Bonn, Essen, Leipzig, Mannheim, Münster und Tübingen. Fachleute aus Strahlentherapie, Neuroonkologie, Neurochirurgie, Neuroradiologie und Neuropathologie werteten neben den klinischen Verläufen auch Blut- und Gewebeproben aus. Damit sollte geklärt werden, wie der Tumor auf die Hemmung seiner Blutversorgung reagiert und welche biologischen Merkmale mit dem Verlauf zusammenhängen.
Die Jury des mit 25.000 Euro dotierten Preises würdigte insbesondere diese standortübergreifende Verbindung von Laborforschung und klinischer Anwendung. Die Auszeichnung wird am 24. November 2026 beim Innovationsforum der Deutschen Hochschulmedizin in Berlin übergeben.
Die entscheidende Prüfung steht noch aus
Die Forschenden planen nun eine randomisierte Phase-II/III-Studie. Erst sie kann prüfen, ob die Kombination einen echten Zusatznutzen bringt, wie häufig relevante Nebenwirkungen auftreten und welche Patientengruppen möglicherweise profitieren. Bis solche Daten vorliegen, ändert die GLORIA-Studie die Behandlungspraxis nicht.
Für Betroffene ist außerdem wichtig: Die ursprüngliche GLORIA-Studie ist an mehreren Standorten nicht mehr für neue Teilnehmer geöffnet. Individuelle Therapieentscheidungen gehören in ein spezialisiertes neuroonkologisches Zentrum und sollten nicht aus den vorläufigen Ergebnissen einer kleinen frühen Studie abgeleitet werden.





