Radfahren allein reicht nicht

Vier von zehn Kindern fahren nicht sicher Rad: Diese drei Fähigkeiten fehlen besonders oft

Vier von zehn Kindern fahren nicht sicher Rad: Diese drei Fähigkeiten fehlen besonders oft
ADAC

Vier von zehn Kindern fahren nicht sicher Rad: Diese drei Fähigkeiten fehlen besonders oft
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96 Prozent können Rad fahren – aber viele beherrschen die entscheidenden Manöver nicht

Nach der Befragung können 96 Prozent der Kinder zwischen vier und zwölf Jahren in Deutschland grundsätzlich Fahrrad fahren. Das klingt zunächst beruhigend. Doch sobald Fähigkeiten gefragt sind, die im realen Straßenverkehr ständig benötigt werden, verändert sich das Bild deutlich.

Bei den 7- bis 9-Jährigen beherrschen 38 Prozent nach Einschätzung ihrer Eltern weder den Schulterblick sicher noch das einhändige Fahren und damit auch kein zuverlässiges Handzeichen. Nur knapp 60 Prozent verfügen über diese drei wichtigen Fähigkeiten. Selbst bei den 10- bis 12-Jährigen liegt der Anteil mit entsprechenden Defiziten noch bei mehr als 20 Prozent – obwohl viele von ihnen die schulische Radfahrausbildung bereits absolviert haben.

Die Zahlen stammen aus einer Onlinebefragung von 1.010 Eltern mit Kindern zwischen vier und zwölf Jahren. Durchgeführt wurde sie im Mai 2026 von We are Family Research. Die angegebene Fehlermarge beträgt ±3 Prozent bei einem Konfidenzniveau von 95 Prozent.

Warum ausgerechnet Schulterblick und Handzeichen so wichtig sind

Ein Kind muss im Straßenverkehr deutlich mehr können, als das Gleichgewicht zu halten und geradeaus zu fahren. Beim Abbiegen kommen mehrere Aufgaben gleichzeitig zusammen: weiterfahren, die Spur halten, den Verkehr hinter sich beobachten, eine Hand vom Lenker nehmen, ein deutliches Zeichen geben und gleichzeitig Verkehrsregeln beachten.

Genau diese Kombination macht einfache Situationen für ungeübte Kinder anspruchsvoll. Der Schulterblick kann beispielsweise dazu führen, dass sich das Fahrrad unbeabsichtigt zur Seite bewegt. Beim Handzeichen fehlt wiederum eine Hand zur Stabilisierung am Lenker. Deshalb reicht es nicht, diese Bewegungen theoretisch zu kennen – sie müssen so oft geübt werden, dass sie möglichst sicher funktionieren.

Nach Auffassung der befragten Eltern sollten Kinder diese grundlegenden Fertigkeiten spätestens bis zum Ende der dritten Klasse beherrschen.

ADAC Stiftung: Sommerferien zum Üben nutzen

Die ADAC Stiftung empfiehlt Familien ausdrücklich, die Ferien für gemeinsame Fahrpraxis zu nutzen. In Baden-Württemberg dauern die Sommerferien 2026 vom 30. Juli bis einschließlich 12. September. Damit bleibt vor dem Schulstart noch mehrere Wochen Zeit, um Bewegungsabläufe in ruhiger Umgebung zu trainieren.

Christina Tillmann, Vorständin der ADAC Stiftung, sagt dazu:

„Radfahren ist für Kinder mehr als Fortbewegung. Es ist ein Stück Selbstständigkeit und eine wichtige Etappe auf dem Weg, sich sicher in der eigenen Umgebung zu bewegen. Dafür brauchen Kinder Übung und Vorbilder, und die finden sie zuerst bei den eigenen Eltern“

Und weiter:

„Die Sommerferien sind eine gute Gelegenheit, gemeinsam als Familie zu üben. Wer jetzt Zeit auf dem Rad verbringt, macht sein Kind fit für den Schulweg und für alle weiteren Strecken.“

Nicht sofort im Straßenverkehr beginnen

Für Eltern bedeutet Üben nicht, das Kind sofort durch komplizierte Kreuzungen oder dichten Stadtverkehr fahren zu lassen. Sinnvoll ist zunächst ein übersichtlicher und möglichst verkehrsfreier Bereich, in dem einzelne Bewegungsabläufe wiederholt werden können.

Besonders Schulterblick, Spurhalten beim einhändigen Fahren und ein deutliches Handzeichen lassen sich zunächst getrennt trainieren. Erst wenn diese Abläufe funktionieren, können mehrere Aufgaben miteinander kombiniert werden. Die ADAC Stiftung verweist darauf, dass gemeinsame Fahrten in vertrauter Umgebung Kindern helfen können, Bewegungsabläufe einzuüben und mehr Sicherheit zu entwickeln.

Auch ein geeignetes Fahrrad spielt dabei eine Rolle. InsideBW berichtete bereits über den ADAC-Test von 16-Zoll-Kinderfahrrädern, bei dem unter anderem Unterschiede bei Bremsen, Ausstattung und sicherheitsrelevanten Bauteilen auffielen.

Eltern sehen die Verantwortung vor allem bei sich

Bei der Frage, wer Kindern sicheres Verhalten im Straßenverkehr vermitteln sollte, fällt die Antwort der Befragten deutlich aus. 52 Prozent sehen in erster Linie die Eltern in der Verantwortung. Weitere 36 Prozent betrachten Verkehrserziehung als gemeinsame Aufgabe von Eltern und Schule. Nur rund zehn Prozent sehen hauptsächlich die Schule in der Pflicht.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die schulische Radfahrausbildung schlecht bewertet wird. Im Gegenteil: 83 Prozent der Eltern sind der Ansicht, dass sie wesentliche Kompetenzen für eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr vermittelt. Das Problem liegt damit weniger in einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber dem Unterricht als darin, dass praktische Routine offenbar nicht bei allen Kindern ausreichend vorhanden ist.

Regelmäßiges Üben außerhalb der Schule kann diese Lücke schließen. Anders als bei einer zeitlich begrenzten Ausbildung können Eltern mit ihren Kindern dieselben Situationen über Wochen immer wieder trainieren.

Lehrkräfte sehen noch ein zweites Problem

Die Ergebnisse passen zu einer weiteren Befragung der ADAC Stiftung aus dem Frühjahr 2026. Dort wurden Lehrkräfte nach ihren Erfahrungen mit Kindern im Straßenverkehr gefragt. 47 Prozent der Kinder leiden ihrer Einschätzung nach unter erheblichen Aufmerksamkeitsdefiziten, 36 Prozent hätten Schwierigkeiten, in entscheidenden Situationen angemessen zu reagieren.

Damit geht es nicht ausschließlich um Fahrtechnik. Ein Kind kann einen Schulterblick grundsätzlich beherrschen und trotzdem Probleme bekommen, wenn es eine komplexe Verkehrssituation zu spät erkennt oder mehrere Reize gleichzeitig verarbeiten muss.

Gerade deshalb ist Erfahrung so wichtig. Je vertrauter ein Kind mit seinem Fahrrad und den grundlegenden Bewegungen ist, desto mehr Aufmerksamkeit bleibt für Autos, Fußgänger, Verkehrszeichen und unvorhergesehene Situationen.

Das Elterntaxi löst das Problem nicht

Aus Sorge um die Sicherheit liegt es für manche Eltern nahe, ihr Kind lieber mit dem Auto zur Schule zu bringen. Die ADAC Stiftung empfiehlt jedoch gerade nicht, fehlende Fahrradpraxis dauerhaft durch das Elterntaxi zu ersetzen. Stattdessen soll sichere, eigenständige Mobilität schrittweise eingeübt werden.

Auch in Baden-Württemberg wird seit Jahren versucht, den Autoverkehr unmittelbar vor Schulen zu reduzieren. Mit Schulstraßen und Schulzonen können Kommunen bestimmte Bereiche vor Unterrichtsbeginn und nach Schulschluss zeitweise oder dauerhaft für Autos sperren. InsideBW hat die Hintergründe im Artikel „Kampf gegen Elterntaxis: Baden-Württemberg führt Schulstraßen gegen Chaos ein“ zusammengefasst.

Bereits eine frühere Umfrage hatte eine breite Diskussion über das Thema ausgelöst. Mehr dazu im insideBW-Beitrag „Schulchaos durch Elterntaxis: Kinder sollen den Schulweg selbstständig schaffen“.

Unfallzahlen zeigen, warum Übung wichtig ist

Die ADAC Stiftung verweist auch auf die Verkehrsunfallstatistik. 2025 starben in Deutschland 74 Kinder unter 15 Jahren bei Verkehrsunfällen, 13 davon waren mit dem Fahrrad unterwegs. Rund 29.200 Kinder wurden verletzt. Rechnerisch kam damit etwa alle 18 Minuten ein Kind im Straßenverkehr zu Schaden.

Besonders relevant für den Schulweg: Ältere Kinder verunglücken nach Angaben des Statistischen Bundesamts werktags besonders häufig zwischen 7 und 8 Uhr. Das ist genau das Zeitfenster, in dem viele Schülerinnen und Schüler auf dem Weg in die Schule sind.

Die Statistik bedeutet nicht, dass der Schulweg mit dem Fahrrad grundsätzlich gefährlich ist. Sie zeigt vielmehr, wie wichtig Fahrpraxis, Aufmerksamkeit, sichere Infrastruktur und Rücksichtnahme anderer Verkehrsteilnehmer zusammenspielen.

Drei Fähigkeiten sollten Eltern besonders beobachten

Wer wissen möchte, ob sein Kind bereit für anspruchsvollere Fahrten ist, kann zunächst auf die drei Fähigkeiten achten, die auch in der ADAC-Befragung im Mittelpunkt stehen:

  • Schulterblick: Kann das Kind nach hinten schauen, ohne deutlich aus der Spur zu geraten?
  • Einhändiges Fahren: Kann es eine Hand vom Lenker nehmen und trotzdem sicher geradeaus fahren?
  • Handzeichen: Kann es rechtzeitig und eindeutig anzeigen, wohin es abbiegen möchte, ohne dabei die Kontrolle über das Fahrrad zu verlieren?

Diese Fähigkeiten sollten nicht isoliert betrachtet werden. Im echten Verkehr müssen sie mit Bremsen, Beobachten, Entscheiden und dem Einhalten von Regeln verbunden werden. Genau diese Mehrfachbelastung macht regelmäßige Übung entscheidend.

Der Schulweg sollte vorher gemeinsam gefahren werden

Bevor ein Kind erstmals allein mit dem Fahrrad zur Schule fährt, ist es sinnvoll, die konkrete Strecke gemeinsam zu üben. Dabei können Eltern erkennen, wo unübersichtliche Kreuzungen, Grundstücksausfahrten, stark befahrene Straßen oder andere schwierige Punkte liegen.

Eine Strecke, die für Erwachsene problemlos erscheint, kann aus der Perspektive eines Kindes völlig anders wirken. Kinder sind kleiner, haben teilweise eingeschränkte Sichtachsen und verfügen über weniger Verkehrserfahrung. Deshalb ist nicht automatisch der kürzeste Schulweg derjenige, der sich am besten eignet.

Baden-Württemberg setzt parallel auf Programme, die aktive und möglichst sichere Schulwege fördern. InsideBW berichtete beispielsweise über das Landesprogramm und das Pixibuch zum sicheren Schulweg für Grundschulkinder.

Schule allein kann Fahrpraxis nicht ersetzen

Die schulische Radfahrausbildung vermittelt wichtige Grundlagen, doch sie kann regelmäßiges Fahrradfahren im Alltag nicht vollständig ersetzen. Das zeigt schon der Anteil der 10- bis 12-Jährigen, bei denen laut Eltern trotz typischerweise bereits absolvierter Ausbildung noch mehr als jeder Fünfte Probleme mit den genannten Techniken hat.

Entscheidend ist deshalb, dass Kinder nicht nur für eine Prüfung üben. Fahrtechnik sollte auch danach weiter trainiert werden: auf Familienausflügen, kurzen Wegen im Wohngebiet oder anderen geeigneten Strecken.

Dass spielerisches Training helfen kann, zeigen auch Fahrradparcours. InsideBW berichtete bereits über entsprechende Angebote beim Brezel Race in Stuttgart, bei denen Kinder wichtige Fahrtechniken trainieren konnten.

ADAC Stiftung startet Kampagne zum Schulanfang

Die ADAC Stiftung verbindet die Umfrage mit ihrer bundesweiten Schulstartkampagne. Sie richtet sich an Eltern, Kinder, pädagogische Fachkräfte und Verkehrsteilnehmer im Umfeld von Schulen. Auf der offiziellen Seite stellt die Stiftung Informationsmaterialien, Spiele und Hinweise zur Schulwegsicherheit kostenlos zur Verfügung.

Das Ziel ist nicht allein, Unfälle zu vermeiden. Kinder sollen schrittweise lernen, Wege selbstständig zurückzulegen und Verkehrssituationen richtig einzuschätzen.

Die Stiftung bietet dafür außerdem Mobilitätsbildungsprogramme wie „Aufgepasst mit ADACUS“, „Roller Fit“ und „Achtung Auto 2.0“ an. Nach Angaben der Organisation erreichten ihre Programme 2025 mehr als 590.000 Kinder und Jugendliche.

Was Eltern aus der Umfrage mitnehmen können

Die wichtigste Erkenntnis lautet: „Fahrrad fahren können“ und „sicher am Straßenverkehr teilnehmen können“ sind nicht dasselbe. Ein Kind kann problemlos losfahren, bremsen und Kurven fahren und trotzdem überfordert sein, sobald Schulterblick, Handzeichen und die Beobachtung anderer Verkehrsteilnehmer gleichzeitig erforderlich werden.

Gerade die Sommerferien bieten dafür einen Vorteil. Es gibt mehr Zeit, weniger Termindruck und die Möglichkeit, kurze Übungseinheiten regelmäßig zu wiederholen. In Baden-Württemberg endet die Ferienzeit erst am 12. September 2026.

Das Ziel sollte dabei nicht sein, Kinder möglichst schnell allein in den Straßenverkehr zu schicken. Entscheidend ist, dass sie die nötigen Fähigkeiten zuverlässig beherrschen und Eltern die individuelle Entwicklung realistisch einschätzen.

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