Katar stoppt Gasproduktion - Ölpreis schießt hoch

IRAN-KRIEG: Straße von Hormus dicht – Öl, Gas, Inflation: Droht der nächste globale Schock?

IRAN-KRIEG: Straße von Hormus dicht – Öl, Gas, Inflation: Droht der nächste globale Schock?
Foto: NASA

Die Bilder aus der Golfregion wirken weit weg – doch die Folgen sind es nicht. Seit der Eskalation im Konflikt mit dem Iran steht die Straße von Hormus erneut im Zentrum der Weltpolitik. Die strategisch wichtigste Meerenge für den globalen Ölhandel ist zum Risiko-Gebiet geworden. Tanker werden angegriffen, Versicherer ziehen sich zurück, erste Reedereien stoppen ihre Fahrten. Und an deutschen Tankstellen knackt der Preis für Super E5 bereits die Zwei-Euro-Marke.

„Jedes Schiff wird brennen“

Die staatliche iranische Nachrichtenagentur Tasnim meldete: «Mit der Einstellung des Schiffs- und Tankerverkehrs durch die Straße von Hormus ist die Meerenge praktisch geschlossen.»

Ein ranghoher General der Revolutionsgarde kündigte zudem an, man werde jedes Schiff angreifen und zerstören, das dennoch versuche, die strategisch wichtige Passage zu passieren. In den Gewässern rund um die Meerenge warten bereits Hunderte Frachter – viele von ihnen haben vor Anker gegangen und beobachten die weitere Entwicklung.

Warum die Straße von Hormus so entscheidend ist

Durch die Straße von Hormus, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet, wird rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls transportiert. Auch große Mengen Flüssiggas (LNG) passieren täglich diese nur rund 40 Kilometer breite Passage.

Fällt diese Route aus – oder wird sie nur unsicher –, hat das globale Folgen. Öl ist ein Weltmarktprodukt. Selbst wenn Deutschland nicht direkt von Lieferungen aus dem Iran abhängig ist, wirkt sich jede Verknappung unmittelbar auf die Preise aus.

Der Mechanismus ist einfach: Wird weniger Öl transportiert oder steigt das Risiko, steigen die Versicherungsprämien für Tanker. Reedereien kalkulieren neu. Händler sichern sich ab. Die Preise reagieren – oft schneller als die tatsächliche Versorgungslage.

„Effektiv gesperrt“ – auch ohne totale Blockade

Der Maritime Sicherheitseperten wie Moritz Brake der bei bei WELT TV darauf hin wieß, dass es keine vollständige physische Blockade braucht, um die Passage faktisch lahmzulegen. Es reicht, wenn die Durchfahrt so gefährlich wird, dass sich Fahrten wirtschaftlich nicht mehr lohnen.

Schon vereinzelte Angriffe auf Tanker – etwa durch Seeminen, Drohnen oder Antischiffsraketen – können genügen. Selbst wenn Schiffe nicht versenkt werden, reichen Schäden aus, um Versicherer nervös zu machen. Steigen die Prämien stark an oder verweigern Versicherer die Deckung, fahren viele Reedereien nicht mehr.

Damit wäre die Straße von Hormus „effektiv gesperrt“, ohne dass eine Kette quer über die Meerenge gezogen wird.

Ein ähnliches Szenario gab es bereits im sogenannten Tankerkrieg während des Iran-Irak-Kriegs in den 1980er-Jahren. Damals wurden Tanker umgeflaggt und von Kriegsschiffen eskortiert. Auch das führte zu steigenden Preisen – trotz militärischer Sicherung.

Energiemärkte in Aufruhr

An den Rohstoffbörsen reagierten Händler sofort. Der Ölpreis legte am Dienstag zwischenzeitlich um rund 13 Prozent zu und überschritt die Marke von 80 Dollar pro Barrel. Seit Jahresbeginn summiert sich der Anstieg bei Brent damit auf etwa 30 Prozent.

Noch deutlicher fiel die Bewegung beim Erdgas aus. Die Notierungen sprangen um mehr als 20 Prozent auf rund 52 Euro je Megawattstunde. Im Vergleich zum Jahresstart bedeutet das inzwischen ein Plus von über 50 Prozent.

Katar stoppt Gasproduktion

Zusätzliche Brisanz erhält die Lage durch eine Ankündigung aus Doha: Katar will seine Produktion von Flüssiggas (LNG) vorübergehend stoppen. Der Golfstaat zählt zu den wichtigsten Akteuren auf dem Weltmarkt und steht für rund ein Fünftel des globalen LNG-Angebots.

Hinzu kommt die strategische Bedeutung der Transportroute: Etwa 20 Prozent des weltweiten Handels mit verflüssigtem Erdgas passieren die Straße von Hormus – der Großteil davon stammt aus Katar. Eine längere Unterbrechung hätte damit unmittelbare Auswirkungen auf Angebot, Preise und Versorgungssicherheit weit über die Region hinaus.

Lieferketten unter Druck

Die Auswirkungen der Krise sind längst nicht mehr nur auf Energiepreise beschränkt. Auch die globalen Lieferketten geraten zunehmend unter Spannung.

Nach Angaben des Branchendienstes Lloyd’s List sitzen derzeit rund 170 Containerschiffe mit insgesamt etwa 450.000 Containern im Persischen Golf fest. Reedereien und Speditionen arbeiten an Notfallplänen, kalkulieren alternative Routen und erheben zusätzliche Risikozuschläge. Verzögerungen im Warenverkehr gelten als wahrscheinlich – mit möglichen Folgen für Industrieproduktion, Handel und Konsumgüterpreise.

An den Finanzmärkten reagierten Anleger nervös. Der DAX verlor 3,85 Prozent, auch der Pariser Leitindex gab um 2,36 Prozent nach. Besonders stark unter Druck gerieten Fluggesellschaften. Die Aktie der Lufthansa brach um rund 9,8 Prozent ein. Airlines stehen vor mehreren Herausforderungen gleichzeitig: gestrichene Verbindungen, längere Flugrouten zur Umgehung der Krisenregion und steigende Kerosinkosten. (Daten 03.03.26 7 15:00 Uhr)

Die Straße von Hormus erweist sich damit erneut als strategisches Nadelöhr der Weltwirtschaft. Eine anhaltende Störung betrifft nicht nur Öl und Gas, sondern auch Warenströme, Finanzmärkte und ganze Branchen.

Können die USA und Israel die Passage freihalten?

Sowohl die USA als auch Israel verfügen über Fähigkeiten, um Schifffahrtsrouten zu sichern. Dazu gehören Luftabwehrsysteme gegen Drohnen und Raketen, Kriegsschiffe für Geleitschutz sowie spezialisierte Einheiten zur Minenräumung. Technisch ist es möglich, Tanker im Konvoi durch die Straße von Hormus zu führen und Angriffe abzuwehren.

Doch genau hier liegt der entscheidende Punkt: Die Passage muss nicht vollständig blockiert werden, um diese faktisch lahmzulegen.

Es braucht keine totale Abriegelung

Oft wird das Bild einer physischen Blockade bemüht – etwa einer „Eisenkette“ quer durch die Meerenge. Realistischer ist jedoch ein anderes Szenario: wiederholte, gezielte Angriffe mit begrenztem Schaden.

Schon vereinzelte Zwischenfälle könnten ausreichen, um die Lage weiter zu verschärfen. Es müsste nicht einmal zu großflächigen Zerstörungen kommen. Bereits wenn in kurzen Abständen ein Tanker durch eine Seemine beschädigt wird, eine Drohne einschlägt oder eine Antischiffsrakete den Maschinenraum trifft – selbst ohne das Schiff zu versenken –, hätte das spürbare Folgen.

Denn dann explodieren die Versicherungsprämien.

Kein Reeder schickt ein Schiff in eine Hochrisikozone ohne Versicherungsschutz. Wenn Versicherer entweder extrem hohe Prämien verlangen oder die Deckung verweigern, rechnet sich die Passage wirtschaftlich nicht mehr. Auftraggeber springen ab. Charterraten steigen. Und auch die Besatzungen haben Rechte – ein Kapitän kann eine offensichtlich unverhältnismäßig gefährliche Fahrt verweigern.

In diesem Moment ist die Straße von Hormus „effektiv gesperrt“ – ohne dass sie physisch blockiert wurde.

Geleitschutz: möglich, aber aufwendig

Die USA könnten Konvois organisieren. Kriegsschiffe könnten Tanker begleiten und Angriffe abwehren. Minenräumboote könnten die Fahrrinnen sichern. Auch eine staatliche Übernahme von Versicherungsrisiken wäre denkbar – etwa indem Staaten garantieren, Schäden zu ersetzen.

Ein historisches Beispiel liefert der sogenannte Tankerkrieg während des Iran-Irak-Krieges in den 1980er-Jahren. Damals wurden Tanker umgeflaggt, teilweise unter US-Flagge gestellt, und von amerikanischen Kriegsschiffen eskortiert. Das funktionierte – aber nur mit erheblichem organisatorischem und militärischem Aufwand. Und selbst damals stiegen die Ölpreise spürbar.

Versicherung als Schlüsselfaktor

Entscheidend ist weniger die militärische Frage als die versicherungsrechtliche. Wenn Saudi-Arabien oder andere Golfstaaten ein starkes Interesse an durchfahrenden Tankern haben, könnten sie selbst Versicherungsrisiken übernehmen. Auch westliche Staaten könnten Garantien aussprechen. Doch das bedeutet: Die Risiken werden politisch und letztlich vom Steuerzahler getragen.

Selbst dann bleiben Zusatzkosten: höhere Sicherheitsmaßnahmen, längere Wartezeiten, Umwege, militärische Präsenz. All das verteuert den Transport – und diese Mehrkosten schlagen sich im Ölpreis nieder.

Warum Deutschland trotzdem betroffen ist

Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche verwies zuletzt darauf, dass Deutschland sein Öl und Gas aus unterschiedlichen Quellen bezieht. Das stimmt. Pipeline-Gas aus Norwegen, LNG-Terminals an der Nordsee, erneuerbare Energien – all das erhöht die Resilienz.

Doch rund 80 Prozent der europäischen Energieimporte kommen auf dem Seeweg. Selbst wenn Deutschland keine großen Lieferungen aus dem Persischen Golf erhält, wirkt sich jede globale Verknappung über den Weltmarktpreis aus.

Öl wird global gehandelt. Fällt ein großer Lieferstrom aus oder wird riskanter, konkurrieren Käufer weltweit um alternative Quellen. Das treibt Preise nach oben.

Hinzu kommt: Energie ist Grundlage fast aller Produktions- und Transportprozesse. Steigende Ölpreise wirken daher wie ein Inflationsbeschleuniger – von der Logistik bis zum Supermarktregal.

Zwei Euro pro Liter – Panik oder Vorbote?

In Frankfurt am Main wurden zuletzt für E5 bis zu 2,08 Euro pro Liter verlangt. Auch E10 überschritt teilweise die Zwei-Euro-Marke. Damit sind Preise erreicht, die zuletzt zu Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 zu sehen waren.

Kritiker sprechen von einer überzogenen Marktreaktion. Tatsächlich wird der aktuell verkaufte Kraftstoff meist zu früheren, niedrigeren Rohölpreisen eingekauft. Dennoch reagieren Märkte nicht nur auf aktuelle Bestände, sondern auf Erwartungen.

Wenn Händler mit steigenden Beschaffungskosten rechnen, passen sie Preise frühzeitig an. Börsen reagieren auf Risiko – nicht nur auf physische Knappheit.

Bundesregierung aktiviert erneut Energie-Krisenstab

Angesichts der Auswirkungen des Nahost-Krieges auf die Energiemärkte hat die Bundesregierung einen Krisenstab einberufen. Nach Angaben des CDU-geführten Wirtschaftsministeriums wurde die bereits im vergangenen Jahr während der damaligen Spannungen rund um die Straße von Hormus eingerichtete Taskforce erneut aktiviert.

An dem ressortübergreifenden Austausch beteiligen sich neben dem Wirtschaftsministerium unter anderem die Bundesnetzagentur, der Bundesnachrichtendienst, das Auswärtige Amt sowie das Bundeskanzleramt. Parallel dazu steht die Regierung im Kontakt mit Energieunternehmen und Branchenverbänden, um die Lage fortlaufend zu bewerten.

Zur weiteren Preisentwicklung wollte sich das Ministerium nicht festlegen. Diese hänge maßgeblich davon ab, wie lange die Handelsroute durch die Straße von Hormus eingeschränkt bleibe. An der aktuellen Versorgungssituation habe sich jedoch nichts geändert, heißt es aus Berlin. Die LNG-Lieferungen nach Deutschland liefen planmäßig, die Gasspeicher würden weiterhin durch Marktakteure befüllt.

Deutschland selbst bezieht kein Flüssiggas aus der betroffenen Golfregion und nur geringe Mengen Rohöl. Gleichwohl spielt die Passage eine zentrale Rolle für den Weltmarkt: Rund 19 Prozent der globalen LNG-Exporte aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten passieren die Straße von Hormus. Jede länger andauernde Störung könnte daher indirekt auch Europa über steigende Weltmarktpreise treffen.

Mehr als ein Preisthema: Sicherheit und Resilienz

Die Krise zeigt, wie eng Sicherheitspolitik und Wirtschaft miteinander verflochten sind. Maritime Sicherheit ist kein Randthema, sondern Grundvoraussetzung für Wohlstand in exportorientierten Volkswirtschaften wie Deutschland.

Experten fordern daher:

  • Ausbau von Minenabwehr- und Geleitschutzfähigkeiten
  • Stärkung strategischer Öl- und Gasreserven
  • Diversifizierung von Lieferketten
  • Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien

Jede zusätzliche Kilowattstunde aus Wind- oder Solarkraft reduziert die Abhängigkeit von globalen Krisenregionen.

Für Deutschland bedeutet das: Die Versorgung ist nicht akut gefährdet. Doch die wirtschaftlichen Folgen sind real – und bereits an der Zapfsäule sichtbar.

Die Straße von Hormus liegt Tausende Kilometer entfernt. Ihre Auswirkungen sind es nicht.