Ein Ermittler am Abgrund: Der Fund in der Standuhr
Die Ausgangslage ist so beklemmend wie atmosphärisch: Friedemann Berg befindet sich eigentlich gar nicht im Dienst. Nach den traumatischen Ereignissen um seinen Vater und seinen Bruder aus der vorangegangenen Episode ist er suspendiert und kämpft mit seinen eigenen inneren Dämonen. Doch als er an einem einsam gelegenen Haus am Waldrand vorbeikommt, durchbricht ein markerschütterndes Kinderweinen die winterliche Stille.
© SWR/Benoît Linder
Was er im Inneren des Gebäudes vorfindet, gleicht einer Szene aus einem Horrorfilm. Auf der Treppe kleben frische Blutspuren, doch von den Bewohnern fehlt jede Spur – bis auf die neunjährige Eliza (brillant verkörpert von Hanna Heckt). Das Mädchen hat sich in den Kasten einer alten Standuhr verkrochen, genau wie das jüngste Geißlein im berühmten Märchen der Gebrüder Grimm. Sie trägt einen Walkman und hört in Dauerschleife die Geschichte vom Wolf, der die Kinder holt. Eliza schweigt. Sie leidet unter einer Angststörung und hat seit Jahren mit niemandem außerhalb ihrer Kernfamilie gesprochen.
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Die Ermittlungen: Zwischen Realität und Märchenwelt
Während Berg – trotz seiner Suspendierung und zum Leidwesen seiner Kollegin Franziska Tobler – nicht von dem Fall lassen kann, entwickelt sich eine komplexe Spurensuche. Kurz nach dem Fund des Mädchens wird die Leiche des Stiefvaters aus einem nahegelegenen Waldsee geborgen, beschwert mit Steinen. Die Mutter bleibt spurlos verschwunden.
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Für Tobler sieht es zunächst nach einer klassischen Eskalation häuslicher Gewalt aus, doch Eliza ist die einzige Zeugin und sie verweigert jede Aussage. Hier tritt Dr. Evelyn Kaltenstein (Mina Tander) auf den Plan. Die Psychologin versucht, Eliza abzuschirmen, und gerät schnell in Konflikt mit der Polizei. Für die Ermittler beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Wer ist der „Wolf“ in Elizas Welt? Ist er noch da draußen im Wald?
Visuelle Raffinesse: „Shining“ im Schwarzwald
Regisseur Rudi Gaul und Kameramann Stefan Sommer setzen auf eine Bildsprache, die man im deutschen Fernsehen selten sieht. Der Schwarzwald wird in ein kaltes, fast klinisches Schneeweiß und Frostgrau getaucht. Immer wieder verschwimmt die Realität mit Elizas Wahrnehmung. Das Publikum sieht plötzlich bleiche, untote Kindergestalten – die imaginierten „Geißlein“-Geschwister –, die hinter Geländern hervorgucken oder regungslos vor den Fenstern stehen.
Diese filmischen Zitate erinnern bewusst an Klassiker wie Stanley Kubricks „Shining“ oder „The Others“. Besonders der Einsatz von Musik – ein ganz kurzes Anspielen von Cyndi Laupers Achtziger-Hymne „Girls Just Want to Have Fun“ – wirkt wie ein emotionaler Dolchstoß, wenn man versteht, dass dies die letzte glückliche Erinnerung an die verschwundene Mutter ist. „Oh, mama dear, we’re not the fortunate ones“ – diese Zeile hallt noch lange nach.
Kritik Tator „Das jüngste Geißlein“: Frostiger Märchen-Horror im Schwarzwald
Der heutige Schwarzwald-Tatort ist kein klassischer Krimi, sondern ein visuell beeindruckendes Psychodrama, das tief in menschliche Abgründe blickt. Regisseur Rudi Gaul erschafft ein bleiches Gemälde in Schneeweiß und Frostgrau, das die Grenzen zwischen Realität und kindlichem Trauma verschwimmen lässt. Blut im Schnee. Das Schweigen der Geißlein.
Besonders die junge Hanna Heckt als Eliza liefert eine schauspielerische Glanzleistung ab. Mit großen Augen und einer unheimlichen Stille verkörpert sie das Grauen des Mädchens, das sich in die Welt der Gebrüder Grimm flüchtet, um das Unfassbare zu verarbeiten. Wer ungewöhnliche Beobachtungen liebt, wird von den bleichen Kindergestalten, die wie Gespenster durch den Wald huschen, fasziniert sein.
© SWR/Benoît Linder
Allerdings muss man als Zuschauer über einige erzählerische Schwächen hinwegsehen. Manche Wendungen wirken konstruiert, und die unlogischen Wechsel zwischen Tag und Nacht stören den ansonsten dichten Fluss der Geschichte. Auch das Ende lässt einige Fragen offen und wirkt etwas abrupt. Eine kleine Kontrole der eigenen Erwartungen ist daher ratsam: Wer Action sucht, wird enttäuscht; wer sich auf eine schaurige Atmosphäre einlässt, wird belohnt.
Die Story hier zwar zeitweise ins Stocken, doch die emotionale Wucht der Bilder trägt den Film über seine Längen hinweg.
Bewertung: ★★★☆☆ (3 von 5 Sternen)
Das Ensemble im Überblick:
- Franziska Tobler – Eva Löbau
- Friedemann Berg – Hans-Jochen Wagner
- Eliza – Hanna Heckt
- Dr. Kaltenstein – Mina Tander
- Jakob Wolburg – Stefan Wilkening
- Nuri Basak – Amal Keller
- Valea Baciu – Viorica Prepelita
- Dr. Rohrbach – Georg Schmiechen
- Margit – Michaela Caspar
- Petra Decker – Cornelia Schmidt
- Dorin Zaharia – Marc Skanderberg
- Geißlein Feli – Luisa Anna Minu Karpf
Stab:
- Musik – Verena Marisa
- Kamera – Stefan Sommer
- Buch – Ulrike Schölles
- Buch – Rudi Gaul
- Regie – Rudi Gaul
Der neue Schwarzwald-Krimi feiert an diesem Sonntag seine Premiere im Free-TV. Die Ausstrahlung erfolgt zur gewohnten Primetime im Ersten. Eine Wiederholung ist in der Nacht zum Dienstag eingeplant.
Sendetermine & Streaming: So verpassen Sie „Das jüngste Geißlein“ nicht
Die Sendetermine im Überblick:
- Sonntag, 4. Januar 2026, 20:15 Uhr, Das Erste
- Dienstag, 6. Januar 2026, 01:10 Uhr, Das Erste
Parallel zur TV-Ausstrahlung ist der „Tatort“ auch im Livestream der ARD-Mediathek verfügbar. Darüber hinaus wird der Krimi nach der linearen Ausstrahlung voraussichtlich für mehrere Monate als Abrufangebot in der Mediathek bereitgestellt.
Fazit für den Zuschauer
Man sollte sich auf diesen Tatort einlassen können. Das Fahrzeuug der klassischen Ermittlung tritt hier in den Hintergrund, während die psychologische Schnitzeljagd die Führung übernimmt. Eine kleine Kontrole der eigenen Erwartungen ist ratsam: Wer einen Action-Krimi erwartet, wird enttäuscht. Wer sich jedoch auf ein kluges Trauma-Puzzle einlässt, erlebt einen der visuell stärksten Fälle der letzten Jahre.
© SWR, honorarfrei
Dass Berg trotz seiner Suspendierung ermittelt, sorgt für eine spannungsgeladene Teamdynamik mit Tobler, die sich sichtlich schwer damit tut, ihren Kollegen einerseits zu stützen und ihn andererseits zur Räson zu rufen. Der Schwarzwald ist heute kein Postkarten-Idyll, sondern ein Ort, an dem die Geister der Vergangenheit nicht zur Ruhe kommen.
Das Märchen endet nie gut