Historische Fossilien liefern neue Erkenntnisse
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Tübingen hat historische Fossilsammlungen aus dem Libanon mit modernen Methoden neu untersucht. Die Ergebnisse zeichnen ein bislang ungewöhnlich langes Bild der Klima-, Landschafts- und Nutzungsgeschichte an der zentralen Mittelmeerküste der Levante.
Die Funde stammen aus Ras el-Kelb, Naame und Nahr Ibrahim. Zusammen decken sie einen Zeitraum von etwa 400.000 bis 100.000 Jahren vor heute ab. Nach Angaben der Universität Tübingen und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung handelt es sich damit um eine der längsten paläoökologischen Aufzeichnungen für diese Region.
Die Arbeiten entstanden im Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen. Sie wurden am 14. September 2026 in zwei Studien im Fachjournal Communications Earth & Environment veröffentlicht.
Ras el-Kelb ist rund 400.000 Jahre alt
Die Forschenden konnten die Sammlungen aus Ras el-Kelb und Nahr Ibrahim erstmals genauer datieren. Ras el-Kelb ist demnach etwa 400.000 Jahre alt und erlaubt Einblicke in das späte Altpaläolithikum. Für Nahr Ibrahim wurde ein Alter von rund 250.000 Jahren ermittelt, also die Übergangszeit vom Alt- zum Mittelpaläolithikum.
Für die Analysen kombinierte das Team archäozoologische Untersuchungen mit Daten zum Zahnabrieb, stabilen Isotopen und computergestützten Rekonstruktionen der damaligen Landschaft. Schnitt- und Schlagspuren sowie gezielt aufgespaltene Langknochen zeigen, dass Menschen an mehreren Fundstellen Tiere häuteten, zerlegten und Knochenmark gewannen.
Zu den nachgewiesenen Großtieren gehören Auerochsen, Damhirsche, Rothirsche und Wildziegen. Auch Nashörner kamen offenbar regelmäßig in der von Flussmündungen geprägten Küstenlandschaft vor.
Küstenregion war bewaldeter und produktiver
Die neuen Daten stellen die Annahme infrage, dass die Umweltbedingungen im gut erforschten Süden der Levante auf die gesamte Region übertragbar sind. Während südliche Gebiete stärker von trockenen Steppen und Wüsten geprägt waren, zeigen die Befunde für die zentrale und nördliche Mittelmeerküste ein anderes Bild.
Die Küstenlandschaft des heutigen Libanon bestand demnach aus einem Mosaik dichter bewachsener Bereiche und saisonal besonders produktiver Lichtungen. Frühere Pollenanalysen hatten dort unter anderem Tannen, Birken, Haseln, Ulmen, Linden, Hopfenbuchen und Hainbuchen nachgewiesen.
Auch die Isotopenwerte sprechen nach Angaben des Forschungsteams über lange Zeiträume für ein relativ stabiles und warmes Klima. Die stärkere Bewaldung und die ganzjährige Verfügbarkeit unterschiedlicher Ressourcen könnten die Region zu einem ökologischen Rückzugsraum für Tiere und Menschen gemacht haben.
Alte Sammlungen werden mit neuen Methoden ausgewertet
Ein besonderer Schwerpunkt der Forschung liegt auf historischen Beständen des Museums für libanesische Vorgeschichte an der Saint Joseph University in Beirut. Einige der ursprünglichen Ausgrabungen liegen mehr als ein Jahrhundert zurück. Politische Instabilität erschwerte spätere Untersuchungen an vielen Fundstellen.
Die Forschenden weisen zugleich auf Grenzen alter Sammlungen hin, etwa unterschiedliche Bergungsmethoden und lückenhafte Dokumentationen der Fundschichten. Durch mehrere voneinander unabhängige Analyseverfahren konnten dennoch belastbare ökologische Muster ermittelt werden.
Die Arbeiten gehören zum vom Europäischen Forschungsrat geförderten REVIVE-Projekt. Weitere Untersuchungen sollen stabile Isotope, mit den Tierknochen verbundene Steinwerkzeuge und zusätzliche Sammlungen aus dem Libanon und angrenzenden Regionen einbeziehen. Die beiden veröffentlichten Facharbeiten sind über die offiziellen DOI-Seiten zu Faunen und menschlichen Anpassungsstrategien sowie zur langfristigen ökologischen Stabilität abrufbar.





