Roboterkamera auf Tauchgang – und wird fündig
Was auf dem Monitor der „MS Kormoran“ auftauchte, ließ selbst erfahrene Archäologen staunen: Ein vollständig erhaltenes Holzschiff mit Mast, Rah und metallenen Details ruhte wie eingefroren auf dem Sediment. Mitten im Bodensee, mehr als 100 Meter unter der Wasseroberfläche.

Foto: LAD im RPS/WSP Überlingen)
Diese und 30 weitere spektakuläre Entdeckungen sind Teil des Projekts „Wracks und Tiefsee“. Seit 2022 erforscht das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg systematisch den Seegrund – und bringt dabei faszinierende Zeitzeugen ans Licht, die jahrzehntelang, teils jahrhundertelang, unbemerkt auf dem Grund lagen.
Von Segelschiff bis Schaufelraddampfer
Unter den 31 identifizierten Wracks befinden sich moderne Sportboote, aber auch echte archäologische Schätze: etwa die Überreste zweier Schaufelraddampfer, vermutlich der legendären „SD Baden“ und der 1944 versenkten „SD Friedrichshafen II“. Beide fuhren einst mit bis zu 600 Passagieren über den Bodensee – und sind nun stille Zeugen einer anderen Zeit.
Besonders außergewöhnlich ist der Fund eines Lastenseglers, der in großer Tiefe nahezu unversehrt entdeckt wurde. „Ein Glücksfall“, sagt Projektmitarbeiterin Alexandra Ulisch. „Mast und Rah stehen noch, die Klammern im Bugbereich sind intakt – so etwas sieht man in der Unterwasserarchäologie extrem selten.“
Fässer ohne Schiff – ein Bodensee-Rätsel
Auch abseits der Schiffe gab es Überraschungen: An einer Fundstelle entdeckte das Team ein Trümmerfeld aus 17 Holzfässern. Einige sind noch verschlossen, mit Boden, Deckel und möglichen Markierungen versehen. Doch: Kein Wrack weit und breit. Woher kam die Ladung? Wurde sie absichtlich über Bord geworfen? Oder stammt sie von einem versunkenen Frachter, der noch entdeckt werden muss?
Technik auf Tauchstation
Ermöglicht wurden die Entdeckungen durch eine Kombination aus Sonartechnik, bathymetrischer Kartierung und dem gezielten Einsatz von Tauchrobotern (ROVs). Über 250 auffällige Anomalien wurden geortet – 186 davon inzwischen untersucht. Dass sich 31 davon als tatsächliche Wracks entpuppten, übertraf selbst die Erwartungen der Fachleute.

Foto: LAD im RPS, Julia Goldhammer)
„Das Projekt ist ein Meilenstein für die Unterwasserarchäologie in Binnengewässern“, erklärt Projektleiterin Julia Goldhammer. Ziel sei ein umfassendes archäologisches Inventar – und damit eine Grundlage für den künftigen Schutz dieser Kulturgüter. Eine Bergung ist vorerst nicht geplant.
Versunkene Zeitkapseln
Die Funde liefern nicht nur Hinweise auf Schiffbau und Transportwege, sondern erzählen auch vom Alltag früherer Generationen. „Wracks sind wie eingefrorene Momente vergangener Zeiten“, sagt Ulisch. „Sie faszinieren uns – weil sie Geschichten erzählen, die wir fast vergessen hätten.“
Bis 2027 wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weitere Ergebnisse vorlegen. Schon jetzt steht fest: Der Bodensee birgt mehr Geheimnisse, als viele vermuten.
