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Seltener Fund aus der Altsteinzeit

Tübinger Forschende identifizieren über 300.000 Jahre alten Affenzahn

Ein winziger Milchzahn aus Schöningen zeigt, dass Makaken vor mehr als 300.000 Jahren weit im Norden lebten. An der Bestimmung war ein Forschungsteam der Universität Tübingen beteiligt.

Tübinger Forschende identifizieren über 300.000 Jahre alten Affenzahn
Der in Schöningen gefundene Makaken-Milchzahn ist fast vollständig erhalten und etwa einen Zentimeter lang.
Ivo Verheijen und Mike Reich

Milchzahn belegt Makaken im eiszeitlichen Norddeutschland

Ein weniger als einen Zentimeter großer Zahn liefert neue Hinweise auf die Tierwelt vor mehr als 300.000 Jahren. Forschende des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und der Universität Leiden haben den Fund als Milchbackenzahn eines jungen Makaken bestimmt.

Der Zahn stammt aus der altsteinzeitlichen Fundstelle Schöningen in Niedersachsen. Nach der Untersuchung handelt es sich um den bislang nördlichsten Nachweis eines Makaken in Kontinentaleuropa. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Quaternary Environments and Humans“ erschienen.

Fund lag seit der Grabung von 2004 vor

Geborgen wurde der fast vollständig erhaltene Zahn bereits während einer Grabungskampagne im Jahr 2004. Er lag in Seeufersedimenten der Fundstelle Schöningen, die für außergewöhnlich gut erhaltene archäologische und paläontologische Funde aus der Altsteinzeit bekannt ist.

Die Forschenden ordnen den Zahn einem etwa einjährigen Tier der Art Macaca cf. sylvanus zu. Diese steht dem heute lebenden Berberaffen nahe. Die detaillierte Untersuchung zeigt, welchen wissenschaftlichen Wert selbst sehr kleine Funde haben können: Der einzelne Milchzahn erweitert das bekannte frühere Verbreitungsgebiet der Primaten deutlich.

Rund 1.800 Kilometer nördlicher als heutige Bestände

Heute leben Berberaffen vor allem in Marokko und Algerien. Eine bekannte, vom Menschen eingeführte Population kommt außerdem in Gibraltar vor. Schöningen liegt nach Angaben des Forschungsteams rund 1.800 Kilometer nördlich des heutigen nördlichsten natürlichen Verbreitungsgebiets.

Fossilien zeigen allerdings, dass Berberaffen während des Pleistozäns wesentlich weiter verbreitet waren. Nachweise reichen von Spanien, Italien und Griechenland bis nach Deutschland und England. Der Zahn aus Schöningen markiert innerhalb Kontinentaleuropas nun den nördlichsten bekannten Fund.

Offene Wälder und kalte Winter vor rund 310.000 Jahren

Umweltanalysen zeichnen für die damalige Umgebung ein überraschend konkretes Bild. Vor ungefähr 310.000 Jahren bestand die Landschaft am Ufer des damaligen Sees aus offenem Wald mit Birken und Kiefern. Die mittleren Sommer- und Wintertemperaturen lagen ungefähr auf heutigem Niveau, die Winter waren laut der Forschungsgruppe jedoch mindestens ein Grad kälter.

Dass Makaken unter diesen Bedingungen so weit im Norden lebten, unterstreicht ihre damalige Anpassungsfähigkeit. Auch heutige Berberaffen können Kälte aushalten: In Hochgebirgsregionen Zentralmarokkos werden im Winter Temperaturen bis minus 22 Grad Celsius erreicht.

Warum die Berberaffen später aus Europa verschwanden

Die Gattung Macaca entstand vermutlich vor etwa 16 Millionen Jahren in Nordafrika und breitete sich später über den Mittelmeerraum nach Norden aus. Für den Rückgang der europäischen Bestände nennen die Forschenden mehrere mögliche Faktoren: Klimaveränderungen, der Verlust geeigneter Lebensräume und vermutlich zunehmender Druck durch frühe Menschen.

Heute gilt der Berberaffe als stark gefährdet. Die verbliebenen Bestände leben in kleinen, teils voneinander getrennten Gebieten. Als aktuelle Gefahren nennt die Forschungsgruppe den fortschreitenden Verlust des Lebensraums und die illegale Jagd auf Jungtiere für den Haustierhandel.

Die Universität Tübingen erläutert Fundort, Bestimmung und Umweltkontext ausführlich. Die wissenschaftliche Originalstudie ist über den DOI der Fachzeitschrift abrufbar.

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