Gefahrenpotenzial zu spät erkannt
„Dass wir über die gesundheitlichen Gefahren von Social Media für Kinder und Jugendliche debattieren, ist überfällig“, zitiert der „Spiegel“ die Kinder- und Jugendpsychologin Kerstin Paschke. Sie leitet das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und ist auf problematische Mediennutzung spezialisiert. Sie bedauert, dass die Erkenntnisse über die Risiken nicht schon vor zehn Jahren zu Handlungen geführt hätten. Damals hätte das Ausmaß der heutigen Problematik absehbar sein müssen.
Paschke, die viele Kinder mit Social-Media-Abhängigkeit behandelt, spricht sich klar für klare Altersgrenzen aus. Kinder unter 13 Jahren sollten demnach keinen Zugang zu kommerziellen sozialen Netzwerken erhalten. Für 14- bis 15-Jährige fordert sie eine altersgerechte Content-Steuerung.
Mehr Sucht, mehr Risiko
Die neueste Mediensuchtstudie der DAK-Gesundheit untermauert die dringende Notwendigkeit solcher Maßnahmen. Kinder und Jugendliche verbringen demnach durchschnittlich über zwei Stunden täglich an Wochentagen und mehr als drei Stunden am Wochenende auf Social Media. Besonders alarmierend: Der Anteil der 10- bis 17-Jährigen mit krankhafter Nutzung hat sich seit 2019 mehr als verdoppelt und liegt jetzt bei 6,6 Prozent. Mehr als jeder Fünfte zeigt bereits ein riskantes Nutzungsverhalten.
Vorbildfunktion der Eltern
Paschke macht auch die Vorbildfunktion der Eltern aus. „Wenn Eltern ins Handy gucken, sobald sie sich langweilen, aufregen oder sich ablenken wollen, ist es wahrscheinlicher, dass auch die Kinder mithilfe von Medienkonsum ihre Gefühle steuern, statt mit den Eltern zu besprechen, was sie bewegt.“ Studien belegten, dass Kinder in vielen Haushalten Mediennutzungszeiten ohne Begrenzung erfahren dürfen. Das sei beunruhigend. Oftmals würden Eltern auch zu lange davon ausgehen, dass das Verhalten ihres Kindes noch normal sei und „den Zustand dann irgendwann hingenommen“ hätten.
Die Psychologin rät Eltern dringend, Grenzen zu setzen und Kindern Orientierung zu geben. Die eigene Reflexion der Eltern und deren Fähigkeit, eine klare Haltung zu vertreten, seien entscheidend, ob sich eine Sucht entwickle, so Paschke.
