DFB-Team

Vom Schluchsee zum „Schlucksee“: Die skandalöse WM-Vorbereitung im Schwarzwald von 1982

Foto: Foto: Heinz Beilharz

Im heißen Sommer '82 verwandelte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft den beschaulichen Schwarzwald in einen Hexenkessel der Extraklasse. Was als seriöse WM-Vorbereitung geplant war, artete in ein Skandal-Camp aus, das seinesgleichen sucht. Statt Liegestützen und Laufeinheiten gab's Poker und Party bis zum Morgengrauen. Der idyllische Schluchsee wurde quasi über Nacht zum "Schlucksee" – und die Schlagzeilen überschlugen sich.

Willkommen im Chaos-Camp!

Am Abend des 2. Juni 1982 versammeln sich Hunderte von Fans vor dem berühmten Hotel „Vier Jahreszeiten“ in Schluchsee. Dort erwarten sie gespannt die Ankunft der deutschen Fußballstars, die sich hier für die bevorstehende WM in Spanien vorbereiten sollen. Dann rollt der Bus endlich an. Das Team ist da: Schumacher, Breitner, Rummenigge, Fischer, Magath, Matthäus, Allofs, Immel, Stielecke, Hrubesch, Hansi Müller und viele mehr. Angeführt von Bundestrainer Jupp Derwall werden sie von den Fans stürmisch begrüßt, während die Trachtenkapelle Schluchsee zur feierlichen Begrüßung aufspielt. Der Jubel kanntet keine Grenzen. Die Stars checkten in dem Nobel-Hotel ein und der Trainer hatte eine geniale Idee: totale Freiheit für seine Jungs. Was konnte da schon schiefgehen?

Alles, wie sich herausstellte! Nächtliche Eier-Orgien und Tischtennis-Dramen waren das Ergebnis

Die Kicker nahmen die Einladung zum Chillen dankend an. Die Hotelbar wurde zur zweiten Heimat, das Pokern zum Volkssport Nummer eins. Es floss mehr Alkohol als Schweiß, wie sich Insider erinnern. Für eine WM war das eine miserable Vorbereitung. Jeder machte, was er wollte.

Die Eskapaden waren legendär. Mitten in der Nacht bestellten einige Kicker beim armen Hotelkoch mal eben 100 Spiegeleier aufs Zimmer. Gegessen wurde natürlich nur ein Bruchteil. Der Rest landete im Müll. Dekadenz pur! Ein Spieler schrieb auch Geschichte – allerdings unfreiwillig. Reinders verletzte sich beim Tischtennis am Fuß und fiel tagelang aus. Seine geniale Heilmethode: Zwei Campari-Soda für’s Bein. Medizin anno 1982! Der Bundestrainer zuckte nur mit den Schultern.

Zocken, Saufen, Frauen

Beim Pokern wechselten angeblich Zehntausende Mark den Besitzer. Ein Spieler soll besonders wild gezockt haben. Ein Teamkollege griff ein und nahm ihm eine beträchtliche Summe weg – zu seinem eigenen Schutz, wie es hieß. Einer im Team fiel besonders negativ auf. Im Buch „Anpfiff“ heißt es: „Außerhalb des Rasens war Breitner leider kein Vorbild. Er rauchte wie ein Schlot, pokerte, soff wie ein Kosake. Er war der Leithammel, tonangebend bei Spiel und Training und natürlich auch danach.“ Selbst ein späterer Bundestrainer war schockiert und meinte, der Spieler sei zu besoffen zum Trainieren gewesen.

Und dann waren da noch die Gerüchte über nächtliche Besuche von Prostituierten. „Einige bumsten bis zum Morgengrauen und kamen wie nasse Lappen zum Training“. Namen wurden keine genannt – aber die Fantasie der Fans blühte.

Modenschau statt Muskelaufbau

Als wäre das alles nicht schon irre genug, gab’s auch noch eine Modenschau im Hotel. Hübsche Models flanierten an den Kickern vorbei – einige sollen die Jungs sogar bis nach Spanien zur WM begleitet haben. Die Models tauchten angeblich bis zum Endspiel in Madrid immer wieder mal auf. Trainingslager oder Ballermann? Die Grenzen verschwammen.

Der Trainer? Ahnungslos! Blamage vorprogrammiert?

Und was machte der Bundestrainer? Der schien von allem nichts mitzubekommen. Derwall agierte wie ein gütiger Vater, der für alles Verständnis hatte. Die Spieler verhielten sich dabei wie Kinder, die ausprobieren, wie weit sie gehen können. Sie liebten ihn, aber es mangelte an Respekt und Furcht.

Dass bei dieser „Vorbereitung“ sportlich die Luft brennen würde, war klar. Prompt blamierte sich das DFB-Team im ersten WM-Spiel mit einer Niederlage gegen Algerien. Der Bundestrainer prahlte zuvor noch, wurde dann aber eines Besseren belehrt.

Die „Schande von Gijon“

Später folgte die berüchtigte „Schande von Gijon“ – ein abgekartetes Spiel gegen Österreich, das beide Teams weiterbrachte. Nach einem frühen Tor schoben sich beide Mannschaften nur noch lustlos den Ball zu. Algerische Fans wedelten mit Geldscheinen und riefen: „Küsst euch!“ Ein Tiefpunkt des deutschen Fußballs.

Happy End trotz Chaos?

Unglaublich, aber wahr: Trotz „Schlucksee“ und Skandalen schaffte es Deutschland ins Finale! Dort war dann aber Schluss mit lustig. Italien fegte die deutschen Jungs 3:1 vom Platz. Italien dominierte das Spiel und besiegte die deutsche Mannschaft deutlich. War es die späte Quittung für die turbulente Vorbereitung? Fakt ist, im Endspiel konnte Deutschland kaum mithalten – das Ergebnis sprach Bände.

Das Nachspiel

Das Trainingslager am Schluchsee ging in die Geschichte ein – allerdings nicht wegen sportlicher Höchstleistungen. Es war der Beginn vom Ende der Ära des damaligen Trainers. Der DFB zog Konsequenzen, die Zügel wurden angezogen.

Anpfiff: Enthüllungen über den deutschen Fussball 

Fünf Jahre später sorgte das Enthüllungsbuch „Anpfiff“ von Nationalmannschaftstorhüter Toni Schumacher „Anpfiff“ für neuen Wirbel. Ein Spieler plauderte hemmungslos über die wilden Tage am Schluchsee der Zocker und Trinker vom Schluchsee und sorgte dafür bei für Riesenärger bei vielen seiner Nationalmannschaftskollegen und beim DFB. Das Enthüllungsbuch, das auch noch andere Geschichten als die vom Schluchsee enthielt, bedeutete für den Toni dann tatsächlich den Abpfiff in der Nationalmannschaft. Er flog aus der Nationalmannschaft.

Aber die Legende vom „Schlucksee“ – die bleibt für immer! Eine Mischung aus Skandal, Suff und Fußball-Wahnsinn, die es so wohl nie wieder geben wird. Zum Glück, werden viele sagen. Andere werden nostalgisch schwärmen: „Damals, als Fußball noch Fußball war…“

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