Ärzte klagen über Respektlosigkeit und Mobbing
Der Klinikalltag in Deutschland ist für viele Ärzte von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung geprägt. Das ergab eine bundesweite Umfrage des Marburger Bundes unter mehr als 9.000 Klinikärzten. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, in den letzten zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Vorgesetzte erlebt zu haben. Die Vorkommnisse sind oft keine Einzelfälle: Deutlich mehr als die Hälfte der Betroffenen (51 Prozent) erlebt sie mehrmals im Jahr, 30 Prozent sogar monatlich und 14 Prozent wöchentlich. Geht es um die Verursacher, geht die Überzeugung quer durch die Klinikflure: Überwiegend sind es männliche Vorgesetzte, die ihre Macht überschreiten.
Was genau passiert in den Kliniken? Der Respekt bleibt oft auf der Strecke. Ein ruppiger Umgangston, das ständige Infragestellen der fachlichen Kompetenz ohne ersichtlichen Grund oder offenes Mobbing und öffentliche Bloßstellungen zählen zu den häufigsten Formen des Machtmissbrauchs. Die Folgen für die betroffenen Mediziner sind gravierend: Viele leiden unter emotionaler Erschöpfung und hegen den Wunsch, den Job zu wechseln. Trotz der schlimmen Erfahrungen schweigen die meisten. Dreiviertel meldeten die Vorfälle nicht, weil sie von keinen wirksamen Konsequenzen ausgingen oder berufliche Nachteile befürchteten.
Sexuelle Übergriffe keine Seltenheit
Doch nicht nur Machtmissbrauch belastet die Ärzte. Auch sexuelle Belästigung ist ein ernstes Problem. 13 Prozent der Befragten berichteten von solchen Erfahrungen im vergangenen Jahr. Die Palette reicht von sexualbezogenen Kommentaren über unerwünschte sexuelle Gespräche bis hin zu unangenehmen körperlichen Annäherungen. Die wiederholten Übergriffe sind alarmierend: Über drei Viertel der Betroffenen erlebten diese mehrmals im vergangenen Jahr. 59 Prozent sprechen von wiederholten Vorfällen im Jahresverlauf, 17 Prozent monatlich und 6 Prozent sogar wöchentlich. Nur fast jeder fünfte Betroffene (18 Prozent) gab an, von sexueller Belästigung nur einmal betroffen gewesen zu sein.
Der Marburger Bund fordert nun dringendes Handeln. „Betriebsräte, Beschwerdestellen und Geschäftsführungen müssen bei Grenzüberschreitungen eng zusammenarbeiten und präventiv handeln“, betont Andreas Botzlar, zweiter Vorsitzender der Ärztekammer. Es dürfe nicht sein, dass sexuelle Belästigung folgenlos bleibe oder die Betroffenen sogar zum Kündigen gedrängt würden. Eine neue Führungskultur müsse her, in der Führungskräfte für ihre Verantwortung qualifiziert und stärker zur Rechenschaft gezogen würden.




