Industrie schweigt bei Einstellungen
Die Suche nach neuen Mitarbeitern in der deutschen Industrie hat im vergangenen Jahr spürbar nachgelassen. Laut einer Auswertung des Personalmarktforschers Index wurden sieben Prozent weniger Stellen per Anzeige gesucht als noch 2023. Dies folgt auf einen bereits elfprozentigen Rückgang im Jahr zuvor. Insgesamt inserierten deutsche Industrieunternehmen 2024 rund 1,13 Millionen Stellen – ein deutliches Minus gegenüber 1,21 Millionen im Vorjahr.
Diese Entwicklung steht im Kontrast zum Arbeitsmarkt im Allgemeinen. Im Gesundheits- und Sozialwesen beispielsweise stieg die Zahl der Jobangebote um vier Prozent. Die Daten stammen aus einer umfassenden Analyse von Printmedien, Online-Jobbörsen, der Bundesagentur für Arbeit und zahlreichen Firmenwebseiten.
Experten schlagen Alarm
Arbeitsmarktexperten sehen in diesen Zahlen einen Frühindikator für wirtschaftliche Schwierigkeiten. „Wer heute keine Stellen mehr ausschreibt, stellt morgen nicht mehr ein und baut übermorgen ab“, mahnt Oliver Stettes, Arbeitsmarktexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Er warnt davor, dass die aktuell hohe Gesamtbeschäftigung die Realität verschleiere. Die Krise sei „weitgehend im Verborgenen“ und zeige sich im „sehr zurückhaltenden Einstellungsverhalten“ der Unternehmen.
Ein weiterer besorgniserregender Trend ist die Verlagerung der Wertschöpfung. Stettes sieht eine Verschiebung „hin zu staatsnahen Dienstleistungen und weg von industrieller Wertschöpfung“. Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), teilt diese Sorge. Zwar seien neue Stellen im Pflege- oder Erziehungsbereich gesellschaftlich wertvoll, aber „wenn wir Industriebeschäftigte und Investitionen verlieren, wird das zu einer durchgreifenden Deindustrialisierung führen“, so Weber.
Wirtschaft fordert Reformen
Angesichts dieser Entwicklungen wächst der Druck aus der Wirtschaft. Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), fordert konkrete Gegenmaßnahmen: „Es braucht spürbare Reformen beim Sozialstaat, beim Bürokratieabbau und den Energiekosten – sonst wird sich der Arbeitsplatzabbau fortsetzen.“ Die Sorge vor einem anhaltenden Abbau von Arbeitsplätzen in zukunftsträchtigen Branchen ist groß.

