Bundesweit sind 55 Prozent der Mädchen vollständig geimpft
Der am 15. Oktober 2026 veröffentlichte HPV-Atlas bündelt Daten zu Infektionen, HPV-bedingten Krebsarten und Prävention. Für 15-Jährige weist er bundesweit eine vollständige Impfserie bei 55 Prozent der Mädchen und 36 Prozent der Jungen aus. Zwischen den Ländern liegen teils mehr als 20 Prozentpunkte. Baden-Württemberg steht in der Darstellung bei beiden Geschlechtern am Ende.
Das ist mehr als ein statistischer Schönheitsfehler. Humane Papillomviren können Gebärmutterhalskrebs sowie Krebs im Mund-Rachen-Raum, am After, Penis, an Vulva und Vagina verursachen. Für 2021 veranschlagt der Atlas in Deutschland rund 11.000 neue HPV-bedingte Krebsfälle. Etwa 7.600 entfielen demnach auf Frauen und rund 3.000 auf Männer.
Was der Schlusslicht-Platz tatsächlich aussagt
Die Impfquoten stammen aus der KV-Impfsurveillance des Robert Koch-Instituts. Dafür werden pseudonymisierte Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen ausgewertet. Erfasst werden damit vor allem Impfleistungen niedergelassener Ärztinnen und Ärzte für gesetzlich Versicherte.
Die Methode erlaubt einen belastbaren Vergleich der dokumentierten Inanspruchnahme. Sie hat aber Grenzen: Leistungen außerhalb der KV-Abrechnung, etwa in Teilen der hausarztzentrierten Versorgung, fließen nicht vollständig ein. Außerdem zeigt die Quote nicht, ob fehlende Impfungen auf mangelnde Information, vergessene Termine, ein knappes Angebot oder eine bewusste Entscheidung zurückgehen. Aus dem Länderranking lässt sich deshalb keine einzelne Ursache für Baden-Württemberg ableiten.
Der Atlas fordert sechs strukturelle Änderungen
Die Herausgeber – das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg und die Deutsche Krebshilfe – sehen den größten Hebel nicht allein in zusätzlichen Appellen. Vorgeschlagen werden eine bundesweite, evidenzbasierte Kommunikationsstrategie sowie digitale Einladungen und Erinnerungen. Die Impfung soll außerdem systematisch mit den Vorsorgeuntersuchungen U10, U11 und J1 verbunden werden.
Hinzu kommen freiwillige Impfangebote an Schulen, mobile Teams, eine verbindliche nationale HPV-Präventionsstrategie und ein digitales Impfregister mit elektronischem Impfpass. Der gemeinsame Gedanke: Termine sollen Jugendliche erreichen, bevor Impfgelegenheiten im Alltag verloren gehen. Andere europäische Staaten verbinden hohe Quoten bereits mit schulnahen Angeboten und systematischen Erinnerungen.
Was Familien jetzt konkret prüfen können
Die Ständige Impfkommission empfiehlt die HPV-Impfung für Mädchen und Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren. In diesem Zeitraum sind zwei Dosen vorgesehen, zwischen denen mindestens fünf Monate liegen sollen. Wurde die Impfung versäumt, soll sie möglichst bald und vor dem 18. Geburtstag nachgeholt werden. Wer erst ab 15 beginnt, benötigt nach der aktuellen Empfehlung drei Dosen.
Ein Blick in den Impfpass zeigt, ob die Serie begonnen und vollständig dokumentiert ist. Offene Fragen – etwa zum Abstand zwischen Dosen, zu Vorerkrankungen oder zu einem späteren Nachholen – gehören in die ärztliche Beratung. Die Empfehlung ist eine Vorsorgemaßnahme; der Atlas ersetzt weder eine individuelle Anamnese noch eine persönliche Impfentscheidung.
Der neue Atlas ist Bestandsaufnahme und Forderung zugleich
Der Bericht ist keine neue klinische Wirksamkeitsstudie. Er führt vorhandene Forschung, Krebsregisterangaben und Impfquoten zusammen und leitet daraus politische Empfehlungen ab. Seine Stärke liegt in der Gesamtschau: Krankheitslast, Impfschutz und Versorgungsstrukturen werden in einem Dokument verbunden.
Für Baden-Württemberg ist der Befund eindeutig, die Ursache dagegen offen. Die nächste überprüfbare Frage lautet deshalb nicht nur, ob die Quote steigt, sondern welche Maßnahmen tatsächlich zusätzliche Jugendliche erreichen. Künftige RKI-Auswertungen werden zeigen, ob aus dem Schlusslicht-Platz eine Aufholbewegung wird.





