Beim Prostatakrebs stehen Ärzte häufig vor einer schwierigen Entscheidung: Muss ein auffälliger Befund sofort behandelt werden, reicht eine engmaschige Kontrolle oder ist eine Biopsie überhaupt nötig? Das vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) koordinierte EU-Projekt PROMETHEUS will dafür mehrere bislang getrennte Informationsquellen gemeinsam auswerten. Dazu gehören klinische Daten, MRT- und PET/CT-Aufnahmen, Gewebeuntersuchungen und langfristige Krankheitsverläufe.
Die Europäische Union stellt nach ihrem Forschungsregister 3.975.618,68 Euro bereit. Rund 1,59 Millionen Euro davon gehen an das DKFZ in Heidelberg. Das Projekt begann am 1. Oktober 2026 und läuft bis Ende September 2030. Die oft genannte Fördersumme von vier Millionen Euro ist damit eine gerundete Angabe.
Mehrere KI-Agenten sollen einen Krankheitsverlauf modellieren
PROMETHEUS setzt nicht auf ein einzelnes Modell. Spezialisierte KI-Agenten sollen unterschiedliche Aufgaben übernehmen: Tumoren erkennen, Befunde einordnen, Daten ergänzen und medizinische Entscheidungen nachvollziehbar begründen. Ein übergeordnetes System soll die Ergebnisse verbinden und daraus einen individuellen Krankheitsverlauf modellieren.
Sechs europäische Forschungs- und Klinikstandorte bringen laut EU-Projektbeschreibung Kohorten mit zusammen mehr als 20.000 Patienten ein. Das bedeutet nicht, dass bereits 20.000 Menschen mit dem neuen System behandelt wurden. Es handelt sich um vorhandene Datensätze, an denen die Modelle entwickelt und an mehreren Standorten geprüft werden sollen. PNO Innovation unterstützt das Konsortium zusätzlich.
Ein Teil des Projekts widmet sich synthetischen medizinischen Daten. Damit sind künstlich erzeugte Datensätze gemeint, die statistische Eigenschaften echter Untersuchungen nachbilden sollen. Sie könnten Forschung über Klinikgrenzen hinweg erleichtern, ohne sensible Originaldaten direkt auszutauschen. Ob diese synthetischen Daten seltene Verläufe und Unterschiede zwischen Patientengruppen ausreichend realistisch abbilden, muss das Projekt erst zeigen.
Die entscheidende Grenze liegt zwischen Vorhersage und Nutzen
Das Ziel klingt weitreichend: gefährliche Tumoren früher erkennen, unnötige Biopsien verringern und Therapien individueller auswählen. Bislang liegen dazu aber weder Ergebnisse aus einer prospektiven klinischen Studie noch belastbare Angaben zu Fehlerraten, vermiedenen Eingriffen oder verbessertem Überleben vor. PROMETHEUS ist ein EIC-Pathfinder-Projekt und damit ausdrücklich Forschung in einem frühen Entwicklungsstadium.
Auch die Erklärbarkeit ist zunächst ein Entwicklungsziel. Die KI soll Unsicherheiten benennen und ihre Vorschläge so darstellen, dass Ärztinnen und Ärzte sie prüfen können. Erst spätere Vergleiche müssen zeigen, ob diese Erklärungen medizinisch zuverlässig sind und ob verschiedene Kliniken bei denselben Befunden zu stabilen Ergebnissen kommen.
Die Unterscheidung ist gerade bei medizinischer KI wichtig: Ein Modell kann technisch gut zwischen Bildmustern unterscheiden, ohne dass dadurch automatisch die Versorgung besser wird. Beim jüngsten insideBW-Beitrag zur standortübergreifenden Strahlentherapie-KI galt dieselbe Grenze: Datenschutzfreundliches Lernen und technische Machbarkeit ersetzen keinen Nachweis eines klinischen Vorteils.
Für Patienten ändert sich vorerst nichts
Das neue System ist weder zugelassen noch Teil der regulären Prostatakrebsdiagnostik. Untersuchungen, Biopsieentscheidungen und Therapien richten sich weiterhin nach etablierten medizinischen Verfahren und den Entscheidungen des behandelnden Teams. Aus der Projektankündigung lässt sich keine individuelle Behandlungsempfehlung ableiten.
Bis 2030 muss das Konsortium zunächst zeigen, dass das System an verschiedenen Standorten reproduzierbar arbeitet, mit unvollständigen oder widersprüchlichen Daten umgehen kann und keine Patientengruppen systematisch benachteiligt. Erst danach wäre zu klären, ob eine klinische Prüfung, regulatorische Zulassung und Einführung in den Versorgungsalltag sinnvoll sind. Heute ist PROMETHEUS ein ambitioniertes Forschungsprogramm – noch kein Diagnosewerkzeug für Patienten.





