Für Auszubildende, deren Vertrag wegen Konflikten, Fehlzeiten oder Überforderung auf der Kippe steht, soll es ab 2027 mehr Anlaufstellen geben. Baden-Württemberg erweitert das Programm „Erfolgreich ausgebildet – Ausbildungsqualität sichern“ um drei Träger. Neu in das Netzwerk aufgenommen werden die Industrie- und Handelskammer Ostwürttemberg, Joblinge gAG Südwest am Standort Pforzheim und die Heidelberger Dienste gGmbH.
Damit arbeiten in der Förderperiode 2027 und 2028 insgesamt 18 Wirtschaftsorganisationen und soziale Träger mit. Das Wirtschaftsministerium stellt dafür nach eigener Aufstellung 2.411.373,51 Euro bereit. Die Förderung finanziert landesweit 25 Ausbildungsbegleiterinnen und -begleiter; in der detaillierten Trägerliste sind 25,75 Stellen ausgewiesen.
Drei Regionen erhalten zusätzliche Anlaufstellen
Der Ausbau schließt Lücken in Ostwürttemberg, Pforzheim und Heidelberg. Die neuen Partner ergänzen ein Netz, zu dem bereits Handwerkskammern, Industrie- und Handelskammern sowie soziale und arbeitsmarktnahe Träger gehören. Die höchste Einzelförderung erhalten nach der veröffentlichten Liste die Handwerkskammer Freiburg und die Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein mit jeweils 272.400 Euro. Auch die IHK Region Stuttgart liegt mit 272.400 Euro auf diesem Niveau.
Für die neuen Partner sind 68.100 Euro für die IHK Ostwürttemberg, 81.448 Euro für Joblinge in Pforzheim und 83.225,51 Euro für die Heidelberger Dienste vorgesehen. Die Beträge beziehen sich auf die zweijährige Förderperiode. Entscheidend ist dabei nicht nur die Zahl der Beratungsstellen: Die Begleitung soll erreichbar sein, bevor ein Konflikt so weit eskaliert, dass der Ausbildungsvertrag beendet wird.
Was die Begleitung konkret leisten soll
Das Angebot richtet sich zugleich an Auszubildende und Betriebe. Auch Eltern sowie Lehrkräfte können Kontakt aufnehmen. Typische Anlässe sind Schwierigkeiten im Betrieb oder in der Berufsschule, hohe Fehlzeiten, Motivationsprobleme und Konflikte im Arbeitsalltag. Die Begleiter suchen mit den Beteiligten nach Lösungen und können einen Fall über längere Zeit bis zum Abschluss begleiten.
In der neuen Förderperiode plant das Land knapp 900 individuelle Begleitungen. Mindestens 1.300 Betriebe sollen außerdem in Seminaren, Workshops und Erfahrungsaustauschen erfahren, wie sich Ausbildungsqualität sichern und Probleme früher erkennen lassen. Gerade kleinere Unternehmen erhalten damit Unterstützung, wenn ihnen eigene Personal- oder Sozialberatungsstrukturen fehlen.
Das Wirtschaftsministerium verweist auf mehr als 7.000 begleitete, abbruchgefährdete Auszubildende seit dem Programmstart 2015. In 80 Prozent dieser Fälle sei ein Ausbildungsabbruch verhindert worden. Diese Erfolgsangabe stammt aus der Bilanz des geförderten Programms; eine unabhängige Wirkungsstudie nennt die Mitteilung nicht.
Weniger Neuverträge erhöhen den Handlungsdruck
Der Ausbau fällt in eine Phase, in der der Ausbildungsmarkt im Südwesten an Dynamik verloren hat. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Landesamts wurden 2025 in Baden-Württemberg 66.080 neue Ausbildungsverträge geschlossen. Das waren 1.740 oder 2,6 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Besonders deutlich war das Minus in Industrie und Handel: Dort sank die Zahl der Neuabschlüsse um 2.280 beziehungsweise 5,8 Prozent. Das Handwerk verzeichnete dagegen 530 zusätzliche Verträge, ein Plus von 2,9 Prozent. Insgesamt blieb die Zahl aller Auszubildenden mit 172.660 nahezu auf dem Vorjahresniveau.
Neuabschlüsse und vorzeitige Vertragslösungen beschreiben allerdings unterschiedliche Entwicklungen. Eine Vertragslösung ist zudem nicht automatisch gleichbedeutend mit einem endgültigen Ausbildungsabbruch, weil junge Menschen anschließend den Betrieb oder den Beruf wechseln können. Das Landesprogramm setzt deshalb am konkreten gefährdeten Ausbildungsverhältnis an und soll zunächst eine tragfähige Lösung für beide Seiten ermöglichen.
So finden Betroffene die passende Beratung
Azubis, Betriebe, Eltern und Lehrkräfte können sich direkt an die landesweite Koordinierungsstelle wenden. Auf der Programmseite sind regionale Ansprechpersonen und Kontaktwege gebündelt; erreichbar ist die Stelle auch per Telefon oder WhatsApp unter 0711 263709-160. Die Beratung soll niedrigschwellig beginnen und je nach Fall an den zuständigen Träger vor Ort vermittelt werden.
Der nächste überprüfbare Punkt ist der Start der erweiterten Förderperiode im Januar 2027. Dann müssen die drei neuen Standorte ihre Begleitung aufnehmen und das größere Netzwerk zeigen, ob es die geplanten knapp 900 Fälle erreicht.





