Die Untersuchung am Zentrum für Psychologische Psychotherapie der Universität Heidelberg prüfte keine Meditation als eigenständige Behandlung. Getestet wurde ein kurzer Zusatz innerhalb einer laufenden kognitiven Verhaltenstherapie: Die Jugendlichen begannen bis zu 24 Sitzungen entweder mit einer Achtsamkeitsübung, mit einer Entspannungsübung oder ohne standardisierte Einleitung.
Drei Gruppen trennten Achtsamkeit von allgemeiner Beruhigung
An der randomisierten Studie nahmen 90 ambulant behandelte Jugendliche zwischen elf und 19 Jahren teil. Bei ihnen waren Depressionen, Angststörungen oder eine hyperkinetische Störung diagnostiziert worden. 29 Teilnehmende kamen in die Achtsamkeitsgruppe, 30 in die Entspannungsgruppe und 31 in die Vergleichsgruppe ohne feste Sitzungseinleitung.
Die Übungen dauerten fünf bis zehn Minuten. Zur Achtsamkeit gehörten Atemübungen, Body-Scan und bewusstes Gehen. Die Forschenden erfassten die psychischen Symptome zu fünf Zeitpunkten. Die Qualität der therapeutischen Beziehung bewerteten Jugendliche und Behandelnde nach den Sitzungen getrennt. Insgesamt flossen 1.478 Therapiesitzungen in die Auswertung ein; die Studie war vorab unter der Kennung NCT04034576 registriert.
Der Unterschied zeigt sich nur gegenüber keiner festen Einleitung
Die Symptome gingen im Verlauf in allen drei Gruppen zurück. In der Achtsamkeitsgruppe war die Abnahme statistisch stärker als in der Gruppe ohne standardisierte Einleitung. Gegenüber den Entspannungsübungen zeigte sich dagegen kein signifikanter Unterschied. Auch Entspannung und die Gruppe ohne feste Einleitung unterschieden sich nicht eindeutig.
Damit belegt die Untersuchung keinen besonderen Vorteil der Achtsamkeit gegenüber einer anderen ruhigen Vorbereitung. Sie spricht vielmehr dafür, dass eine kurze strukturierte Einstimmung hilfreich sein könnte. Ob die beobachtete Wirkung tatsächlich von der Achtsamkeit selbst stammt, bleibt offen.
Jugendliche und Therapierende bewerteten die Beziehung unterschiedlich
Aus Sicht der Jugendlichen entwickelte sich die therapeutische Beziehung in der Achtsamkeitsgruppe günstiger. In der Gruppe ohne feste Einleitung nahm ihre Bewertung leicht ab; bei den Entspannungsübungen zeigte sich keine statistisch bedeutsame Veränderung. Die Therapeutinnen und Therapeuten sahen dagegen keine Unterschiede zwischen den Gruppen.
Diese Abweichung ist relevant, weil die therapeutische Beziehung nicht objektiv mit einem einzelnen Messwert erfasst wird. Die Studie zeigt, wie die Beteiligten die Zusammenarbeit wahrnahmen. Sie beweist nicht, dass Achtsamkeit die Beziehung in jedem Behandlungsfall verbessert.
Zu kleine Stichprobe schwächt weitreichende Schlüsse
Ursprünglich hatten die Forschenden 135 Teilnehmende eingeplant, um Ausfälle abzufangen. Für den Nachweis kleiner bis mittlerer Unterschiede wären nach ihrer Berechnung mindestens 108 Personen nötig gewesen. Wegen Rekrutierungsproblemen während der Corona-Pandemie und Vorbehalten von Eltern wurden schließlich nur 90 Jugendliche auf die drei Gruppen verteilt.
Dadurch war die statistische Aussagekraft geringer als vorgesehen. Ein nicht signifikanter Unterschied bedeutet deshalb nicht automatisch, dass zwei Methoden gleich wirken. Hinzu kommt ein möglicher Störfaktor: In der Achtsamkeitsgruppe setzten die Behandelnden bestimmte weitere verhaltenstherapeutische Methoden häufiger ein, darunter Selbstbeobachtung, Hausaufgaben sowie Tages- und Wochenstrukturierung. Diese Bausteine könnten einen Teil der Verbesserungen erklären.
Auch bei den Anteilen der Jugendlichen mit klinisch relevanter Besserung oder Remission fanden die Forschenden keine signifikanten Unterschiede zwischen den drei Gruppen. Die Autorinnen und Autoren bezeichnen die Ergebnisse deshalb selbst als vorläufig.
Aus dem Versuch folgt keine Übungsempfehlung für zu Hause
Untersucht wurden angeleitete Übungen innerhalb einer professionellen ambulanten Psychotherapie. Die Ergebnisse lassen sich nicht auf Meditations-Apps, schulische Übungen oder eine selbstständige Behandlung psychischer Beschwerden übertragen. Sie zeigen ebenso wenig, dass Achtsamkeit eine reguläre Therapie ersetzen kann.
Für die Praxis bleibt ein eng begrenzter Befund: Eine kurze, strukturierte Einleitung kann in einer Jugendpsychotherapie nützlich sein. Dass dafür ausgerechnet Achtsamkeit notwendig ist, hat die Studie nicht gezeigt.





